Mauser Modell 1910 "sidelatch"

  • Ab 1906 entwickelte man bei Mauser wieder Faustfeuerwaffen. Ziel der Planungen war ein einheitliches System, das durchgängig für alle damals wesentlichen Faustfeuerwaffenkaliber verwendbar sein sollte.
    Nach der Konzipierung eines verriegelten Modells im Kal. 9mmP mit Stützklappenverschluss wurde im Jahre 1909 auch eine unverriegelte Pistole als Modell 1909 gebaut.
    Beide Pistolen waren die Vorläufer der folgenden „Mauser-Selbstladepistolen“.
    Da das Militär nicht an den großkalibrigen Pistolen interessiert war, wandte man sich der Entwicklung einer ersten Taschenpistole im Kal. 6,35 mm zu.
    Im Jahre 1911 kam die im Folgenden etwas näher vorgestellte „Mauser-Selbstladepistole“ Kaliber 6,35 heraus. Da Mauser seinerzeit dieser Pistole keine Modellbezeichnung gegeben hat, wird sie nach einer Klassifizierung durch Sammler als Modell 1910 bezeichnet. Im Volksmund wurde diese nicht gerade kleine Taschenpistole wegen der großen Magazinkapazität auch als „Neunlader“ bezeichnet.
    Typisches Merkmal dieses Modells ist der kleine Haltehebel ( gleichzeitig Abzugachse ) in der seitlichen Abdeckplatte.
    Dieses in der englischsprachigen Literatur als „sidelatch“ bezeichnete Modell wurde nur von 1911 bis Mitte 1913 in etwa 61000 Stück gefertigt. Diese extrem gut gefertigte Waffe war sofort ein Verkaufserfolg und wurde sogar in die USA exportiert.
    Verkauft wurden 1911 11012 Stück , 1912 30291 Stück, 1913 18856 Stück.


    Es werden von diesem Modell drei Varianten unterschieden:


    1.Variante: Schlittenbeschriftung in gerader kleiner Schrift – „Waffenfabrik Mauser A.-G. Oberndorf aN Mauser’s Patent.“ Sehr kleiner Sicherungslösungsknopf.
    # 1 - 4900.


    2.Variante: Gleiche Schlittenbeschriftung wie o.a.. Großer Sicherungslösungsknopf.
    # 4900 – etwa 14600.


    3. Variante: Beschriftung in nunmehr großen Blocklettern wie o.a.. Großer Sicherungslösungsknopf.
    # 14600 – 61000.


    Der Laufhalter ist geriffelt und weist einen runden vorstehenden Führungsbolzen auf. Bei dem Modell 1910 ist noch keine Laufhaltefeder eingebaut. Das Korn ist rund gestaltet ohne „Band“.


    Besonders bemerkenswert ist das für Mauserpistolen völlig untypische Magazin, denn es ist erstens vernickelt und weist statt der üblichen drei länglichen Sichtfenster 9 Bohrungen auf.
    Der schmale bündig abschließende Magazinboden ist vorne gerundet.
    Für diese „Rundung“ ist im Griffstück eine entsprechende Ausfräsung vorhanden.


    Ab der 2.Variante konnte man diese Pistole wahlweise auch mit einem schwarzen Hartgummigriff mit verschlungenem „MW“ Firmenlogo erwerben.


    Ab 1912 erfolgte bereits die Entwicklung einer ähnlich gestalteten Pistole im Kaliber 7,65.
    Bei dieser Waffe fiel neben anderen Veränderungen vor allem der Haltehebel für die Seitenplatte weg und der Laufhalter wurde durch eine Haltefeder gesichert. Das Magazin erhielt nunmehr die„mausertypische“ Gestaltung. Diese Merkmale wurden auch auf das neue 6,35er Modell übertragen.
    Anfang 1914 kam dann ziemlich zeitgleich mit der 7,65er- auch die neue 6,35er-Pistole auf den Markt.
    Erneut hatte Mauser diesen Pistolen keine eigenen Modellbezeichnungen gegeben. Die Bedienungsanleitungen benennen es lediglich als „Neues Modell“ oder „Großes Modell“.
    Sammler sprechen bei der 7,65er vom Modell 1914 und bei der 6,35er vom Modell 1910/14.


    Bemerkenswert ist, dass sich die meisten Kleinteile des Modells 1910 nicht mit denen der nachfolgenden Modelle austauschen lassen. Spätere Magazine passen nicht in den Magazinschacht.


    Das Modell 1910 ist unter den Mausersammlern eine sehr gesuchte Pistole.


    armandvis



    Da Martin bei Frankonia schon "alles" Sammelnswerte abgeräumt hatte, blieb mir als reine "Verzweifelungstat" nur der Kauf der gezeigten Pistole übrig. Es ist eigentlich nicht ganz meine Baustelle, aber diesem Schmuckstück konnte ich einfach nicht widerstehen.
    Danke für den Hinweis, Martin.

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  • schönes Stück - schöne Präsentation, danke fürs Zeigen


    was Ihr so alles bei Frankonia findet...

    Gruß Covenant

  • wenn du erlaubst, armandvis, zur Ergänzung 2 Bilder


    von passender Box u. Anleitung sowie der von dir angesprochenen


    Variante mit Hartgummigriff:

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    Gruß Covenant

  • Hallo armandvis,
    Danke, für Deinen wirklich schönen Beitrag! Auch ich möchte noch Bilder meiner „sidelatch“ dazu tragen.
    mit freundlichen Sammlergruß
    Joe

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  • Dank euch,


    es ist doch wirklich toll, was wir alle zusammen hier aufbieten können.


    Ich bin wirklich stolz auf dieses Forum und hoffe, dass noch viel mehr Mitglieder sich in Zukunft zu diesen Themen einbringen werden.
    Motto: Da tut sich was !
    Nur Mut !!


    armandvis

  • die "große Schwester" der sidelatch, S.-Nr. 50:


    War ja klar - jetzt wird wieder mit Spitzenraritäten "herum geschmissen" :D;). Mal im Ernst - alle gezeigten Stücke sind traumhaft erhalten und erstrebenswerte Pistolen; die "große Schwester" von covenant ist aber der absolute Hammer!!


    Glückwunsch euch allen zu diesen Stücken. Ich hab lediglich das spätere Standardzeugs...


    Gruß!


    Volker

    Suche/Kaufe: Pistolentaschen der Firma "AKAH"

  • Große Schwestern haben ja immer so etwas Besonderes, aber diese ist wirklich ganz außergewöhnlich.


    Ich habe bislang noch nicht einmal ein Bild von diesem Exemplar gesehen.


    Bin schwer beeindruckt!!


    Fotos der demontierten Pistole wären auch nicht schlecht.


    Meine Hochachtung.


    armandvis

  • Ich hätte hier zur Variante 1 von armandvis noch eine Untervariante: Kleiner Sicherungslöseknopf mit Fischhaut anstelle der konzentrischen Kreise. Diese Untervariante dürfte recht selten sein. Ein amerikanischer Sammler hat Pistolen mit diesem Sicherungslöseknopf bis zur SN 616 festgestellt und solche mit dem kleinen Knopf und den konzentrischen Kreisen ab SN 108. Offensichtlich wurden auch diese Teile, wie das bei Mauser häufig vorkam, zeitlich überschneidend verwendet.


    Die vorliegende Pistole hat die SN 198. Sie weist auf der linken Schlittenseite den bekannten „Dreieck im Kreis“-Stempel auf, der wohl fälschlicherweise immer wieder als portugiesische Abnahme interpretiert wird. Vermutlich handelt es dabei um eine Mauser interne Stempelung, deren Bedeutung meines Wissens noch nicht geklärt ist. Spätere Ausführungen tragen den Stempel übelicherweise auf der Rückseite des Griffstücks unter der SN. Die ist Waffe (leider) britisch beschossen (BNP).


    Im Unterschied zu den späteren „Sidelatch“ sind bei SN 198 noch praktisch alle Teile nummeriert (mit Ausnahme der Griffschalen, der Schrauben und natürlich der Federn), sogar der Schlagbolzen trägt die Endziffer 8. Die vorliegende Waffe hat zudem ein Magazin ohne Bohrungen oder Schlitze (wie übrigens auch das Magazin der ebenfalls abgebildeten SN 1410, die der "normalen" Variante 1 entspricht).


    Stucki

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  • Aus gegebenem Anlass darf ich diesen wundervollen Beitrag „aus der guten alten Zeit“ aus seinem Dornröschenschlaf erwecken.


    Bislang wurden hier ja wundervolle Stück der ersten Variante (Jan Balcar, Stucki) und der dritten Variante (armandvis, covenant, Reichsrevolver) gezeigt – was bislang fehlte, ist die zweite Variante.


    Nun, so eine zweite Variante (in einem erträglichen Zustand) kann ich zeigen. Seriennummer 9902 mit – wie es sich für eine Side Latch gehört – vernickeltem Magazin.


    Die zweite Variante unterscheidet sich von der ersten Variante durch den größeren Sicherungslöseknopf und von der dritten Variante durch die Beschriftung mit einer Serifen-Schrifttype.


    Gruß


    sauerfan


    Mauser-1910-Side-Latch_9902_01_1600x1200.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_04_1600x1200.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_05_1600x1200.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_07_1600x1200.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_08_1600x1200.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_10_1600x1200.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_11_1600x1200.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_12_1600x1200.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_14_1600x1199.jpgMauser-1910-Side-Latch_9902_15_1600x1200.jpg

  • Ein sehr schönes Stück und ausgezeichnete Bilder - gratuliere!


    ...ist aber keine Sauer, wusste gar nicht dass Du fremd gehst :)


    Alexander

  • Hallo Alexander,


    wieso fremdgehen? Alle Buchstaben von „Sauer“ sind komplett in „Mauser“ enthalten. Nur das „M“ ist zuviel… ;)


    Nee, Scherz beiseite: aus quasi historischen Gründen umfasst meine Sammelerlaubnis Pistolen (bis 1945) der Firma Sauer – und der Fa. Mauser. Ab und zu gönne ich mir auch mal eine Mauser.


    Gruß


    Martin

  • Ab und zu gönne ich mir auch mal eine Mauser.

    mit Mauser Taschenpistolen hat das Waffensammeln bei mir auch einmal begonnen, dann kam die eine oder andere C96 dazu und schliesslich hat mich die Sammeldisziplin doch ziemlich verlassen...:)


    Übrigens: das wäre die ultimative Sidelatch, Prototyp SN 14 aus der ehemaligen Sammlung Sturgess (leider kein gutes Foto, alte Handykamera bei Kunstlicht im Waffenkeller von Geoff Sturgess).


    Alexander

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  • Na holla! Nr 14 ist in der Tat eine Ansage!


    Was ist das denn für ein "Röllchen" vorne am Schlitten?

  • nur damit keine Missverständnisse entstehen - die SN 14 ist nicht Teil meiner Sammlung. Meines Wissen gehört sie zu jenen Waffen, die nach der Auflösung der Sammlung Sturgess in Europa verblieben und nicht bei Julia Auctions versteigert wurden.


    Das "Röllchen" ist die sogenannte Rückstosspufferfeder, ein Konstruktionselement des Modells 1909, das dann bei den Waffen aus der Serienproduktion (Modell 1910) wegfiel.

  • Martin,

    da ist die ja ein sehr schönes Stück über den Weg gelaufen. Dies Exemplar hätte ich mir vor kurzem auch noch gerne einverleibt.

    Zwei Dinge haben mich zum Grübeln gebracht:


    1. der Revisionsstempel mit gothischem Buchstaben unter dem Lauf ( hatte mein Exemplar nicht ! )


    2. der Sternstempel auf dem Magazinboden. Derartiges haben eigentlich nur die Franzosen während des WK I und kurz danach gemacht. So wurden dort militärische Faustfeuerwaffen gekennzeichnet. Gibt es evtl. noch einen weiteren Stern am/im Griffstück ?


    Meine Gratulation zu diesem Exemplar .


    Fritz