Projekt: Frühmittelalterliches Grab eines wohlhabenden Alamannen aus Baden-Oos

  • Hallo zusammen,


    nun will ich auch mal meinen bescheidenen Beitrag zu diesem neuen Bereich des Forums leisten:


    Ich arbeite derzeit an der Rekonstruktion einer frühmittelalterlichen Grablage aus Baden-Baden/OT Oos.

    Zur Grablage: Der Landmann Matheus Dieterich aus Oos stieß am 21. Januar 1876 beim Abgraben seines Ackers auf dem Gewann "Blutacker" in etwa 1,20m Tiefe auf ein menschliches Skelett, welches mit Grabbeigaben versehen war.

    Weitere Untersuchungen im Umfeld des Grabes förderten ein sehr schlecht erhaltenes zweites Skelett zutage, welches allerdings stark beschädigt war und keine verwertbaren Funde mehr lieferte. Der damalige Archäologe vermutete ein Gräberfeld in unmittelbarer Nähe.

    Kernstück des Fundes stellte ein Schwert dar, eine sogenannte Goldgriffspatha, welche den Bestatteten als wohlhabenden Alamannen, vermutlich aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert, identifiziert. Neben der Spatha wurden des weiteren ein Schildbuckel, eine Lanzenspitze, eine Franziska (Wurfaxt), eine Pfeilspitze und ein unbekannter Eisenstab gefunden.


    Da ich mich mit der Darstellung im Bereich Spätantike/FMA bewegen wollte und der Grabfund in einer sehr interessanten Zeitepoche, und zudem nur wenige km von meinem Wohnort entfernt, liegt, habe ich dazu etwas recherchiert.

    Das stellte sich erst als nicht ganz unkompliziert dar, denn im Internet fand man zu diesem Grabfund fast keine Informationen und gar keine Bilder. Über verschiedene Museen bekam ich letztlich den Kontakt zum Badischen Landesmuseum in Karlsruhe und dem Landesdenkmalamt, von denen ich dann letztlich Informationen und Bilder erhalten habe.

    An dieser Stelle muss ich mich absolut positiv über die Hilfsbereitschaft dieser beiden Institutionen äußern!


    Nun habe ich mir mit dem Projekt leider auch eine sehr aufwändige Sache aufgehalst, denn speziell die Spatha wird ordentlich ins Geld gehen.

    Das Projekt ist bisher noch im Anfangsstadium, aber ich stelle mal vor, was ich schon habe:


    Lanzenspitze, geschmiedet von "Schorsch der Schmied" - ein hervorragender Schmied mit ausgezeichneten Kenntnissen über historische Exponate


    Franziska, ebenso von Schorsch


    Tonkrug, aus anderem Grabfund in Baden-Oos, Zeitstellung dürfte gleich/ähnlich sein, von einem Töpfer hergestellt


    Ortbandzwinge der Goldgriffspatha, wie man möglicherweise erkennt, selbst hergestellt. Die Ortbandzwinge ist sehr klein und im Original aus Silber, vergoldet und mit Almandineinlagen. Ich hatte natürlich das Original nicht zur Hand, habe deshalb anhand einer Höhenangabe einer Fundzeichnung die restlichen Maße ausgerechnet und eine Gussform aus Formwachs geschnitzt. Mit dieser Form habe ich dann einen Abguss hergestellt, das Material ist ca 90%Ag/10%Cu. Das Ergebnis ist sicherlich nicht perfekt, aber für meine Möglichkeiten mMn nicht schlecht und bei der geringen Größe (Länge 5,6cm) sieht es im Original wesentlich besser aus als auf dem vergrößerten Bild. Natürlich muss ich noch einiges an Arbeit rein stecken, Oberfläche perfektionieren und vergolden etc., aber ihr sehr zumindest mal den aktuellen Stand.


    Bis es weiter geht, wird es wohl noch etwas dauern ;)


    Nun hoffe ich, ihr habt daran auch euren Spaß.


    Liebe Grüße

    Manuel

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    Einmal editiert, zuletzt von Onkelz ()

  • Hallo Manuel, was Du hier zeigst

    ist gut..sehr gut …..seeeeeeeeehr gut ;- ) Hammer ! Die Rekonstruktion eines Grabkomplexes und dann auch noch mehr oder weniger aus dem Heimatort ist ein unglaublich tolles Projekt.


    Vor allen Dingen die Art und Weise wie Du an die Sache rangehst beeindruckt mich. Genau so sollte man es machen. Eine gründliche Recherche, gute Handwerker für die Repliken an Land ziehen bzw. selber und richtig nachfertigen. So eng wie möglich an den Originalen. Was ich hier sehe ist viel Liebe zum Detail und eine tolle Umsetzung. Ich bin selber seit Jahren vom Alamannenvirus infiziert und habe auch eine kleine Ausstattung, welche aber rein zivil ist.

    Deine Rekonstruktion der Ortbandzwinge ist richtig gelungen !


    Bitte mehr davon...unbedingt .


    Beste Grüße

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    Schirmmütze Offizier Ari

  • Hallo

    Auch hier meinen vollen Respekt zu deinem Projekt und dessen Ausführung. Es ist wirklich erstaunlich was mit viel Engagement so auf die Beine gestellt wird.

    Der neue Bereich "Reenactment" ist wirklich eine tolle Bereicherung für das Forum.

    Gruss Thomas

  • Bin hier zufällig im Forum über deinen Beitrag gestolpert und ist auch nicht mein Interessensgebiet (bis auf die geographische Örtlichkeit Baden :)), aber Respekt zu diesem mutigen, weil sehr aufwändigen Projekt! Das was du da zeigst ist echt beeindruckend 👍 Wünsche weiterhin viel Erfolg ✌️

  • Vielen Dank für eure netten Antworten.

    Gerade der Zuspruch von dir, Karbanser , freut mich sehr - in Anbetracht deiner vielfältigen und sehr hochwertigen Darstellungen/Nachbauten.

    Bei Lanze, Franzi und Topf habe ich ja nicht viel beigetragen, aber die Ortzwinge war tatsächlich schon sehr aufwändig. Es war gar nicht so leicht, ein Foto und Zeichnungen in ein reales Objekt umzuwandeln. Der erste Guss war dann noch zu hoch legiert und zu weich, beim zweiten Abdruck ist dann noch ein Teil der Wachsform abgebrochen. Leider hatte ich kein Foto der Seitenansicht, weshalb ich die Rundung nur schätzen konnte.

    Glücklicherweise kann ich mir den Grabfund ab Samstag im Badischen Landesmuseum in der neuen Ausstellung live anschauen. Ich hoffe nur, dass ich es gut getroffen habe und mich nicht ärgern muss. Wenn das soweit ok ist werde ich mich an die Feinarbeiten und das Vergolden machen.


    Sonst habe ich noch nicht viel, ein paar Kleinigkeiten habe ich noch gebastelt, die werde ich auch nach und nach einstellen.


    Liebe Grüße

    Manuel

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  • Hallo, wie schon geschrieben, eine tolle Sache von Dir !


    Wenn Du Dir die Ausstellung ansiehst, versuche doch vorher Kontakt mit dem Museum zu bekommen. Ich konnte mir auf diese Art schon öfter Dinge außerhalb der Vitrine ansehen. Gerade wenn Du eine nette Mail mit Fotos Deiner Rekonstruktion ect. an die entsprechenden Verantwortlichen sendest ist das ab und zu ein richtiger Türöffner. Wenn die merken das man wirklich Interesse hat ist tatsächlich auch in Deutschland einiges möglich.


    Halte uns auf dem laufenden mit Deinem spannenden Projekt.


    PS: Von wem ist die Keramik ?


    Beste Grüße

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  • Das ist eine gute Idee, das werde ich machen.

    Die Keramik ist von der Töpferei Lothar Kurtz: http://www.mittelalterkeramik-kurtz.de/produkte.html

    Bei ihm habe ich auch schon 4 Knickwandbecher und eine Kanne gekauft, die regelmäßig Verwendung finden.


    Liebe Grüße

    Manuel

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  • So, nun stelle ich mal ein paar Gegenstände ein, die nichts direkt mit dem Grabfund zu tun haben.

    Da sie aber zeitlich und regional zu meiner Darstellung passen, habe ich sie nachgefertigt.

    Leider habe ich nicht die Bildrechte zu den Vorlagen, aber man findet im Internet die ein oder andere Abbildung.


    Erstes Objekt ist ein eiserner Kolbenarmreif, angelehnt an Funde aus dem alamannischen Siedlungsgebiet.

    Nach meiner Recherche finden sich hauptsächlich Kolbenarmreife aus Silber, diese aber vorwiegend in Frauengräbern. Es sind allerdings auch Exemplare aus Männergräbern bekannt, hier sei der goldene Kolbenarmreif des Königs Childerich der I. aus dem Ende des 5. Jahrhunderts genannt.


    Für das Material Eisen entschied ich mich natürlich in erster Linie auf Grund des Materialpreises ;), aber ich habe nicht einfach ins Leere gegriffen, sondern einen Fund aus dem Männergrab Nr.9 in Eschborn als Anlass für die Materialwahl genommen - hier wurde auch ein Mann mit einem eisernen Armreif bestattet.

    Qualitativ ist er sicher keine hohe Schmiedekunst - ich habe mich mit meinem Lötbrenner und Schraubstock selbst versucht und festgestellt, dass schon eine einfache Stauchung für mich als Laien schwer zu bewerkstelligen ist.

    Für meine Ansprüche genügt die Qualität, zumal mir hier ein persönlicher Bezug wichtig war, da ich den Armreif jeden Tag trage.

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  • Ein weiterer Gegenstand aus meinem Fundus: ein tordierter Halsreif aus Silber.


    Im Bildband "Die Alamannen" sind diverse Halsreife abgebildet, dazu der Text: "Im 4./5. Jh. gehörten zur Tracht des Mannes silberne oder bronzene Halsringe, tordiert oder glatt und mit verschieden gestalteten Verschlüssen versehen".

    Einer jener Halsreife findet sich auch in "Christlein - Die Alamannen" aus einem Grabfund aus Ihringen, 5. Jh. - der Halsring ist in diesem Fall aus Bronze.

    Ich habe mich mit der Optik (tordiert) und dem Verschluss an dem Stück aus Ihringen orientiert, habe allerdings Silber als Material gewählt, da es sich bei meiner Darstellung eher um eine gehobenere Persönlichkeit handelte.

    Beim zuvor vorgestellten Armreif habe ich da zwar unedleres Material gewählt, aber Gold war mir in dem Fall des Armreifs einfach zu übertrieben ;)

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  • Sehr interessant ! Ich mag den Schmuck des 5. und 6. Jahrhundert sehr gerne. Irgendwie sehen die Sachen in der Vitrine im Museum immer irgendwie "seltsam" aus, da wir die Formen und Verzierungen heute nicht mehr gewohnt sind. Wenn man die Sachen aber als Replik trägt, am besten noch mit den entsprechenden Kleidung finde ich den Stil unglaublich ansprechend. Ich trage auch gelegentlich Keltischen und Germanischen Schmuck im Alltag.


    Tolle Sachen die Du uns hier zeigst. Danke dafür. Hast Du den Halsreif selber gefertigt ?


    Beste Grüße

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  • Und nun der letzte Gegenstand für heute, er ist gerade erst angefertigt und quasi noch "warm" - dieses Mal allerdings nicht für meine Darstellung, sondern für meine Frau: eine Donarkeule als Ohrschmuck.


    Dieses Schmuckstück orientiert sich aus einem nicht näher bezeichneten Fund aus dem Ausstellungskatalog "Die Alamannen" von Seite 439.

    Die Donarkeule war ein, im germanischen Raum weit verbreitetes, Schmuckstück der germanischen Frau.

    Funde wurden meist im Bereich der Hüfte oder am Kopf lokalisiert, weshalb man davon ausging, dass diese Keulen am Gürtel und als Kopf- oder Ohrschmuck getragen wurden.

    Im Bereich der Hüfte finden sich diese Donarkeulen oft in Zusammenhang mit dem Gehäuse der Tigerschnecke - aus diesem Zusammenhang könnte man eine Bedeutung als Fruchtbarkeitssymbol deuten.

    Der Name der Donarkeule bezieht sich auf eine Verbindung zwischen dem römischen Gott Herkules und dem germanischen Gott Donar (der Namensvetter des Wochentags Donnerstag, später auch als Thor (Thursday) bekannt).

    Da Donar als Regenbringer bekannt ist und somit auch eine direkte Bedeutung als Fruchtbarkeitsgott haben könnte, stellt sich natürlich die Frage ob diese Keule nun tatsächlich eine Waffe darstellen soll, oder doch eher eine Art Phallusdarstellung ist. Aber das wird man nie erfahren, gerade das macht die Archäologie doch auch irgendwie spannend :)


    Die Keule selbst ist aus einem Rehbock-Gehörn, die Aufhängung aus Silber - der Haken oben ist natürlich nicht fundorientiert, aber er muss ja auch trag- und abnehmbar sein.

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  • Sehr interessant ! Ich mag den Schmuck des 5. und 6. Jahrhundert sehr gerne. Irgendwie sehen die Sachen in der Vitrine im Museum immer irgendwie "seltsam" aus, da wir die Formen und Verzierungen heute nicht mehr gewohnt sind. Wenn man die Sachen aber als Replik trägt, am besten noch mit den entsprechenden Kleidung finde ich den Stil unglaublich ansprechend. Ich trage auch gelegentlich Keltischen und Germanischen Schmuck im Alltag.


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    Beste Grüße

    Da hast du absolut recht. Der Armreif ist eigentlich in seiner Schlichtheit sehr ungewöhnlich für heute getragenen Schmuck, aber ich trage ihn sehr gerne und wurde schon oft positiv darauf angesprochen. Ich habe ihn nun bestimmt schon ein halbes Jahr permanent an.


    Die letztgezeigten Gegenstände sind alle selbstgefertigt.

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  • Gefällt auch sehr ! ;- ) Kannst Du da etwas zur Zeitstellung der Donarkeulen und deren Verbreitung / Region sagen ?


    und unbedingt mal erklären wie Du den Halsreif gefertig hast, würde mich auch gerne an ein solches Projekt wagen…


    Beste Grüße

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  • Hallo Karbanser,


    zu den Donarkeulen kann ich dir gerade auch nur Infos aus Wikipedia wiedergeben, nachdem sich die Herkuleskeule bei den Römern im 3. Jahrhundert verbreitete und die Donarkeulen vom 5. bis 7. Jahrhundert im ganzen germanischen Raum auftauchen.


    Die Fertigung des Halsreifs war gar nicht so schwer, aber ich habe keine eigene Werkstatt und bastle nur im Geschäft und am Küchentisch, daher ist es keine authentische Fertigung. Ich habe einfach einen Vierkantdraht aus 920er Silber genommen, ihn im Schraubstock eingespannt und verdreht - dabei musste ich den Draht vorsichtig erwärmen und einzelne Stellen nacherhitzen, damit die Tordierung gleichmäßig wird und das Material nicht bricht. Die Enden habe ich dann rund geklopft und die Verschlusslaschen gebogen. Auch hier wurde immer wieder erwärmt, damit das Material von der Bearbeitung nicht spröde wird.


    Das kommt keineswegs an einen musealen Anspruch ran, aber mir genügt es erst einmal.

    Vor deiner Herangehensweise (sogar den Bleistift selbst gießen, ...) ziehe ich den Hut, das ist ganz großes Kino!


    Liebe Grüße

    Manuel

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