Schritt, Trab, Galopp

  • Schritt Trab Galopp



    Hohe Schule im Dressurvierecke –


    Reifeprüfung in Disziplin und


    Konzentration für Reiter und Pferd



    Pferde im Großstadtverkehr?


    In unserer Zeit der Technik ein höchst seltener Anblick. Ab und zu vielleicht mal ein Fuhrwerk. Und gar ein Reiter hoch zu Roß? In Berlin oder Dresden blieben sicher die Passanten stehen. In Potsdam, in der Gegend der Berliner Straße, schaut kaum jemand verwundert. Man weiß, hier sind die Reiter des ASK auf dem Weg zur Reitbahn oder zum Ruinenberg, wo sie mit den Pferden im Gelände arbeiten. Allerdings, sehr gern wagen sie sich mit den wertvollen Dressurpferden nicht ins dichte Verkehrsgewühl.

    Welcher Kraftfahrer stellt schon seine Fahrweise auf die sensiblen Tiere ein? „Ja, vor etwa zehn Jahren, da waren unsere Pferde absolut, verkehrssicher“, erzählt Hauptmann Günter Bellmann, Trainer der Nachwuchsgruppe des ASK, damals aktiver Springreiter. „Wir teilten nämlich das Objekt mit den ASK-Motorgeländesportlern. Da schnupperten die Tiere täglich Benzingeruch und waren den Motorenlärm gewöhnt.“ Allerdings ist nicht „Verkehrssicherheit“ das spezielle Trainingsziel für Dressurpferde, sondern natürlich die Sicherheit in der Beherrschung aller komplizierten Aufgaben auf dem 20 mal 60 Meter großen Reit-Viereck. Aber als die Mannschaft 1957 unter der Leitung von Oberst Koppenhagen in Halle (als Abteilung des ASK Berlin) entstand, mußten sie die Bedingungen eben nehmen, wie sie sie vorfanden. Und die waren oft nicht einfach.

    Anfangs waren die Aktiven Spring- und Dressurreiter gleichzeitig, Pferdepfleger hatten sie noch nicht. Da ging der Dienst- und Arbeitstag mit militärischer und politischer Ausbildung, mit Training und Pferdepflege oft bis in die Nacht. Und lange Jahre fehlte ihnen die internationale Bewährungsprobe. Da trainierten und trainierten sie, ohne einen Maßstab für ihre Leistungen zu haben. Erst 1968 fand der Deutsche Pferdesportverband der DDR Anerkennung im internationalen Verband und damit Zugang zu den großen internationalen Turnieren und Prüfungen.


    Die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt waren so die erste ganz große Bewährungsprobe für die DDR-Reiter. Oberleutnant Wolfgang Müller, Unterleutnant Horst Köhler und Unterleutnant Gerhard Brockmüller, alle vom ASK Potsdam, vertraten die DDR als Mannschaft und in der Einzelwertung bei der olympischen Dressurprüfung. Sie führten ihre Pferde so sicher, daß die internationalen Dressur-Fachleute über die Neulinge der DDR staunten.

    Der vierte Platz in der Mannschaftswertung und die Plätze fünf für Horst Köhler auf Neuschnee, zwölf für Gerhard Brockmüller auf Tristan und sechzehn für Wolfgang Müller auf Marios waren großartige, nicht erwartete Erfolge. Vor allem einigen Leuten aus dem Hause Springer schmeckten diese Leistungen der DDR-Sportler überhaupt nicht.

    Nun auch noch DDR-Erfolge in einer Sportart, von der sie glaubten, daß sie in Deutschland für immer und ewig das Privileg der kapitalistischen Herrenreiter bleiben würde – da mußte etwas geschehen.


    Flugs ließen sie folgende Ente los: „Zonenreiter Horst Köhler nach Westdeutschland geflüchtet.“ Die DDR-Mannschaft kehrte vollzählig zurück. Horst Köhler erfuhr erst in der Heimat von seiner „Flucht“ und lachte herzlich darüber. Und doch betrauerten die ASK-Reiter einen Verlust, der sie hart getroffen hatte. „Wochenlang vorher konnte ich nicht richtig schlafen, wenn ich an meinen Marios und den Flug dachte“, erinnert sich Wolfgang Müller. „Aber dann war ausgerechnet er der Ruhigste. Dafür tobte bald nach dem Start zum Rückflug „Herzjunge“, unser Ersatzpferd, so, daß uns keine andere Wahl blieb, als es zu erschießen.“

    Probleme, die wohl keine andere Sportart kennt. Ein Jahr später, bei den Europameisterschaften in Wolfsburg, bestätigten die ASK-Dressurreiter ihre internationale Stärke. In der Mannschaftswertung wurden sie diesmal sogar Zweiter, Horst Köhler wiederholte seinen fünften Rang, Wolfgang Müller steigerte sich auf Platz sechs und Gerhard Brockmüller wurde noch Zehnter.

    Trainer Willi Lorenz kann zufrieden sein. Seine ASK-Reiter wird man von nun an auf jeden Fall bei den internationalen Dressurprüfungen beachten müssen.


    Aber wie lange dauert es, bis Reiter und Pferd dieses Niveau erreicht haben! In etwa fünf bis sechs Jahren schafft es vielleicht ein talentiertes Pferd, das olympische Dressurprogramm, den Grand Prix de Dressage, zu beherrschen. Das bedeutet, in zwölf Minuten müssen in exakt festgelegter Reihenfolge und an bestimmten Punkten des Dressur-Vierecks 33 Lektionen absolviert werden. Unmöglich, diese alle aufzuzählen, geschweige denn zu erläutern. Die wichtigsten sind die drei Gangarten Schritt, Trab und Galopp, vorzuführen jeweils in verschiedenen Tempi als versammelter, mittlerer und starker, die Piaffe (Bewegung auf der Stelle), die Passage, die Traversale (eine Seitwärts-Vorwärts-Bewegung), die Pirouette.

    Talent und Können des Reiters müssen mit dem des Pferdes zusammenfließen, um einen perfekten Dressurvortrag zu erreichen. Nur wenn sich beide jahrelang kennen, wenn der Aktive ein hohes Einfühlungsvermögen für sein feinnerviges Pferd besitzt, kann es zu einer ästhetischen Einheit von Reiter und Pferd kommen. „Der Reiter muß wie ein guter Arzt sein, der bei jedem Schritt seines Pferdes sofort die richtige Diagnose stellt und weiß, was zu tun ist“, so drückt es Trainer Willi Lorenz aus. Dann wird das Pferd so leicht und locker gehen, als ob es seine Aufgaben allein löst, ohne daß die Hilfen des Reiters erkennbar sind. Auch äußere Schönheit, eine bestimmte Größe des Pferdes wirken auf den Gesamteindruck des Vortrags und werden von den Kampfrichtern mit bewertet. Ein zwar schönes und auch leistungsstarkes aber zu kleines Tier muß sofort Punktabzüge in Kauf nehmen.


    Ist ein Pferd ungehorsam oder läßt es sich durch äußere Einflüsse ablenken, ist an eine hohe Wertung nicht zu denken. „Wenn es bei jedem Klappern auf der Tribüne die Ohren spitzt, vergißt es natürlich für Sekunden seine Dressuraufgabe“, erklärt Wolfgang Müller.

    Erziehung zu Gehorsam und Konzentrationsfähigkeit ist also äußerst wichtig. Bei einem Turnier in Salzburg begrüßten sich die ASK-Pferde schon von weitem mit freudigem Wiehern. „Wir mußten darauf achten, nicht gerade dann ein Pferd über die Straße zum Platz zu führen, wenn sein langjähriger Stallgefährte auf der Reitbahn seine Aufgaben zu erfüllen hatte.“


    Noch unangenehmer wurde Gerhard Brockmüller vor Jahren bei einem Turnier in Zella-Mehlis von seinem Pferd überrascht. Mit Marios ritt er zur Begrüßung des Kampfgerichts in die Mitte des Vierecks. In dem Augenblick, da er die Hand zum militärischen Gruß an seine Mütze hob, absolvierte auf dem Nachbar-Viereck ein Pferd einen Gehorsamkeitssprung. Neugierig drehte sich Marios herum. Gerhards Gruß ging in die verkehrte Richtung. Die ungegrüßten Kampfrichtervermerkten es natürlich auf ihren Punktezetteln. Statt des möglichen ersten Platzes blieb am Ende ihres Ritts für Gerhard Brockmüller und seinen neugierigen Marios nur der vierte.


    Aber nicht allein der Reiter und das Pferd bestimmen das Niveau einer Dressur-Übung. Beim ASK in Potsdam lernten wir auch die vielen Helfer im Hintergrund kennen, ohne die es im Reitsport keine internationalen Höchstleistungen geben kann.

    Da sind die Pfleger, die Tag und Nacht bereit sind, sich um die Tiere zu kümmern. Sie müssen die gleiche Passion für den Pferdesport, die gleiche Liebe zum Tier mitbringen, wie die Reiter selbst. Falsche, lieblose Behandlung kann schnell ein Pferd verderben und die Arbeit des Reiters zunichte machen. Gibt es eine gute Zusammenarbeit Pfleger und Reiter, eine gegenseitige Abstimmung und Unterstützung, wie bei den Potsdamern üblich, werden sich die Pferde kontinuierlich entwickeln. Da ist der Schmied, Unteroffizier Rudi Kießling, über den wir von Mannschaftsleiter Lothar Hofmann, den Trainern und den Aktiven ob seiner vorzüglichen Qualitätsarbeit nur Lob hörten.


    Der Futtermeister, Stabsfeldwebel Günter Binder, sorgt für die fachgerechte Zusammenstellung, Beschaffung und Lagerung des Futters. Auch und besonders bei Tieren ist doch die Leistung in großem Maße von der körperlichen Verfassung abhängig. Und die kann der Futtermeister gemeinsam mit den Pflegern wesentlich beeinflussen.


    Ganz wichtige Leute sind die Bereiter, die die Nationalmannschaftskader bei der Vorbereitung ihrer Nachwuchspferde und beim Training der Spitzenpferde unterstützen. „Sie sollten als Reiter möglichst genauso gut sein wie wir selbst“, betont Horst Köhler. Besonders von Oberfeldwebel Jürgen Röhl, selbst von Anfang an als Dressurreiter zur Mannschaft gehörend, kann man das fast sagen. Ihre Rolle ist nicht einfach. Persönlicher Ehrgeiz muß ganz zurückgestellt werden. Oberfeldwebel Manfred Naujokat, ehemaliger Springreiter in der Mannschaft, versteht seine Aufgabe richtig: „Es ist nun mal unsere Pflicht, den „Assen“ zu helfen, ohne selbst in die Öffentlichkeit zu treten. Ihre Erfolge sind schließlich dann auch unsere.“


    Die Weltmeisterschaften 1970 liegen inzwischen schon hinter ihnen, und gemeinsam bereiten sich Trainer und Aktive des ASK mit ihren vielen Helfern auf neue internationale Dressurprüfungen vor.



    Günther Wirth



    Quelle: AR 7/1970 S. 88 ff.

  • Vielen Dank für diesen Beitrag . War sehr interessant zu lesen . Aus Erfahrung weiß ich , wie wichtig der richtige Hufbeschlag ist . Als dieser Artikel in der AR 1970 erschien , begann auch meine Ausbildung in der Schmiede . Gruß , fritze1

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  • Vielen Dank für diesen Beitrag . War sehr interessant zu lesen . Aus Erfahrung weiß ich , wie wichtig der richtige Hufbeschlag ist . Als dieser Artikel in der AR 1970 erschien , begann auch meine Ausbildung in der Schmiede . Gruß , fritze1

    Hallo fritze1,


    sehr gern :-) Es freut mich, wenn der Artikel solch angenehmen Erinnerungen hervorgerufen hat.


    Grüße Olaf