Kaiserliche Marine: Großkampfschiffe – Lebensbedingungen und Spannungen an Bord im 1. WK

  • Moin,


    zum 31. Mai 2021 eröffnete ich im Forum ein Thema unter dem Titel “Kaiserliche Marine, Skagerrakschlacht: S.M.S. Lützow, Richard Beitzen und ein tatteriges Papier“. Daraus entspannte sich ein Faden, bei dem auch eine vermeintlich überwiegende Untätigkeit der Großkampfschiffe und ein aufrührerisches Moment unter ihren angeblich "unterbeschäftigten" Besatzungen angesprochen wurden. Das halte ich für interessant genug, um dazu ergänzt um Anschauungsfotos – bevorzugt vom Besatzungsalltag auf Reede oder Vorposten – ein neues Thema zu eröffnen.


    Beginnen will ich damit, dass entgegen der häufig geäußerten Meinung die Großkampfschiffe nie still in den Häfen vor sich hinrosteten. Anders als es gerne getan wird – ist ja auch schön einfach – lässt sich diese Frage nicht allein an den überschaubaren Flottenvorstößen festmachen, die offensiv eine Feindbegegnung herausforderten. Vielmehr war selbst in heimischen Gewässern jederzeit mit Feindmeldungen zu rechnen, auf die nötigenfalls beschleunigt mit sogar schweren Streitkräften zu reagieren war. Da konnte nicht erst 2-3 Stunden Dampf aufgemacht und dann vielleicht noch Dickschiff für Dickschiff aus Wilhelmshaven – dem Hauptstützpunkt am Hauptseekriegsschauplatz Nordsee – ausgeschleust werden. Der 28. August 1914 war eine eindringliche Mahnung. So befanden sich ständig moderne Großlinienschiffe und Große Kreuzer im Vorpostendienst. In der ersten Zeit waren sie dabei nahezu obligatorisch mit 45-minütiger Auslaufbereitschaft bei Schillig oder auf der Außenjade geblieben. Meist erschöpfte sich dort die kriegerische Betätigung im Abschießen von Treibminen. Egal, der Alarmdienst der Großkampfschiffe war wieder und wieder zu leisten. Gelegentlich mussten z. B. bei Torpedobootsvorstößen noch Aufnahmepositionen eingenommen werden, oder im Winter brachen Dickschiffe den U-Booten eine Rinne ins vereiste Fahrwasser. Mit wachsender britischer Verminungstätigkeit in der Nordsee zur Unterbindung des U-Bootkrieges, nahmen aber schwere Vorpostenstreitkräfte oft schon routinemäßig vorgeschobene Positionen ein. Im Sinne kürzerer Eingreifzeiten galt es die Entfernung zu den Minensuchern und leichteren Sicherungsstreitkräften zu verkürzen, die in den Randbereichen der Deutschen Bucht großer Angriffsgefahr ausgesetzt waren. Zur schnelleren Verfügbarkeit am nächsten Tag blieben betroffene Großkampfschiffe auch häufiger über Nacht auf See. Einhergehend stieg das Arbeitspensum der Besatzungen. Nach Ende ihrer Vorposten- oder Deckungsaufgaben blieben diese Einheiten oft vor Anker auf einer Reede, meist vor Wilhelmshaven, wenn ihnen nicht schon wieder neue Pflichten auferlegt wurden. Zur Versorgung der Schiffe außerhalb des Hafens, auch auf Vorposten, mit Munition, Kohlen, Proviant oder um Urlauber an Land zu bringen, unterhielt die Marine extra einen Fahrzeugpark – Beispielbilder finden sich im Anhang. Entgegen der landläufigen Plattitüde von der am Kai schlummernden Schlachtflotte, kamen nämlich vor allem kleinere Einheiten, die für kürzere Stehzeiten in See ausgelegt waren, in den Genuss häufiger Hafenliegezeiten. Auch die Grand Fleet tummelte sich übrigens nicht dauernd auf offener See. Kein Wunder, ihre kämpferische Betätigung stand in Wechselwirkung zu jener der deutschen Seestreitkräfte. Zudem handelte es sich nicht mehr um die technisch vergleichsweise ‘unkomplizierten‘ Blockadegeschwader von Segelschiffen aus Nelsons Zeiten, sondern um wartungsintensive Industriekolosse. Dass dann ihr bekanntester Ankerplatz Scapa Flow, anders als die typischen der deutschen Seestreitkräfte, abseits größerer Hafenstädte lag, bedeutet keinen aktiveren Anteil der britischen Schlachtflotte am Kriegsgeschehen. Während das deutsche Pendant immerhin noch eine Reihe von Vorstößen zum Provozieren einer Feindbegegnung unternahm, sogar bis in Schussweite an die englische Küste oder hoch nach Norwegen, zeigte sich die britische Schlachtflotte reservierter. Ihre Führung setzte insbesondere darauf, dass die rechtswidrige Hungerblockade1 am Ende schon Großbritanniens Sieg erzwingen würde, ohne sich dafür großartig ‘prügeln‘ zu müssen. Insbesondere seit spätestens Skagerrak offenbart hatte, es bei der deutschen Hochseeflotte mit einem ernstzunehmenden Gegner zu tun zu haben. Nur, dass bis heute bei der Grand Fleet gar erst nicht erwogen wird, sie hätte bloß faulenzend vor sich hingerostet. Sei es wie es will, die Unterstellung die deutschen Schiffe hätten „weitgehend untätig in den deutschen Häfen“ 2 gelegen, ist schon ob ihrer leicht überprüfbaren Aufgaben im Zusammenhang mit dem U-Bootkrieg – der deutschen Antwort auf die Hungerblockade – falsch.


    Für die Besatzungen der deutschen Großkampfschiffe bedeuteten die Vorposten- und Deckungsaufgaben besondere Anspannung im ohnehin verschleißenden Bordalltag. In wechselnden Wachen waren permanent diverse Leck- und Gefechtsstationen besetzt zu halten, die überwiegend isoliert im Schiffsinnern lagen. Aber auch während der Freiwachen bzw. Freizeit hielt das Nordseewetter die Matrosen und Heizer oft in den Quartieren. Decks und Kasematten mit Metallwänden, Linoleum-Fußböden und trüber Glühbirnen-Beleuchtung. Die Wehrpflichtigen mit der längsten Dienstzeit lebten seit 1911 in diesen trostlosen Grüften, in denen sich zur Schlafenszeit neben- und übereinander geschichtet Hängematten reihten. Viele Unteroffiziere noch länger. Arbeit, Freizeit, Essen, Schlafen, Körperhygiene – jede Verrichtung wurde mit zahlreichen Kameraden auf engstem Raum geteilt. Mannschaftsduschen im Schiffsinnern gab es nur für Heizer, ansonsten wurde sich an Oberdeck im Zuber gewaschen. Wohnlicher, intimer, traf es erst das Fachpersonal mit Portepee, die Deckoffiziere. Pumpenmeister, Steuerleute, Feuerwerker, Maschinisten usw., die sich aus dem Mannschaftsstand einen Rang zwischen Offizier und Unteroffizier erdient hatten. Ihnen wurde an Bord mit Ein- oder Zwei-Mann-Kammern etwas Privatsphäre gewährt, wie natürlich auch den Offizieren. Für Nicht-Offiziere beschränkte sich diese auf die Landganggelegenheiten in den zeitlichen Grenzen der jeweils befohlenen Kriegsbereitschaft. Überhaupt, erreichte ein Geschwader wieder den Stützpunkt, gab es für die Besatzungen selbst im Falle des Einlaufens keinesfalls sofort Freizeit. Zuerst galt es die militärische Einsetzbarkeit aufzufrischen, also gerade wieder die Brennstoffbestände zu ergänzen, die üblicherweise erst eben ohne sichtbares Ergebnis in Rauch aufgegangen waren. Das bedeutete in stundenlanger Anstrengung Kohlen an Bord zu wuchten, denn nur modernste Torpedoboote oder einige Kleine Kreuzer besaßen den Vorzug ölgefeuerter Kessel.3 Eine wirkliche Erholung beinhalteten für die Besatzungen der Linienschiffe allein die sporadischen Übungstörns in die Ostsee. Vor allem wegen Kiel, dessen vielschichtiger Großstadtbetrieb auch im Krieg mehr Abwechslung bot als die von der Marine beherrschte Enge Wilhelmshavens. Ein anderer Alternativliegeplatz war im Nord-Ostsee-Kanal bei Brunsbüttel, der aber abgesehen von Landpartien keine Attraktivität besaß und so eigentlich nur in der warmen Jahreszeit zum Aufenthalt einlud. Desgleich die Reeden bei Cuxhaven oder Altenbruch.


    Wenn die Geschwader typischerweise vor Anker lagen, bemühten sich die Schiffsführungen gelegentlich mit Sportwettkämpfen der Eintönigkeit zu begegnen. Ansonsten mussten sich die Leute in der Freizeit selbst beschäftigen.4 Sie klönten, lasen, dösten, schrieben Briefe oder fischten auch. Das belebte den Speisezettel, der wie in Gesamtdeutschland zusehends spärlicher ausfiel. Dabei wurden die Härten des Borddienstes schon mit erhöhten Verpflegungssätzen belohnt. Sie übertrafen die Zuteilungen der Marine-Landgarnisonen oder der Zivilbevölkerung. Wie allerorts sank jedoch der Anteil an Eiern, frischem Gemüse und Fleisch. Als Ersatz wurden Dörrgemüse, Konserven oder Marmeladenstullen verabreicht. Nun ist zu erwähnen, dass bei der Bord-Verköstigung Offiziere, Deckoffiziere sowie Mannschaften und Unteroffiziere getrennten Menagezugehörigkeiten – Verpflegungsgemeinschaften – unterlagen, mit differierenden Verpflegungssätzen pro Mann und Tag. Gerade auf Kreuzern und Großkampfschiffen, wo sich die Lebensbereiche der Vorgesetzten mit Portepee deutlicher als auf kleineren Einheiten von der Restbesatzung abgrenzten, ging das bald einher mit wachsendem Neid und Argwohn der letzteren. Das Essen der Offiziere und Deckoffiziere wurde hier nicht im gemeinschaftlichen Topf zubereitet, sondern separat. Anschließend servierten es Stewards in eigenen Messen an porzellangedeckten Tischen. Mannschaften und Unteroffizieren standen dagegen auch für die Mahlzeiten nur die Wohnquartiere zur Verfügung, wo sie aus Blechgefäßen aßen, aufgereiht von bis zu zwölf Mann pro Back. Eiserne Tischgestelle, die zum Dienstbeginn wieder abzumontieren waren. In dieser nüchternen Atmosphäre mehrte sich unter anderem bald Ärger darüber, dass Offiziere ihre mit staatlichen Tafelgeldern subventionierte Bord-Verköstigung um private Zuschüsse ergänzten. Traditionell unterhielten sie mit dem Vorteil ihres höheren Soldes Gemeinschaftskassen, dazu gedacht, ihre Messen durch den Ankauf zusätzlicher Lebensmittel, Alkoholika, Rauchwaren oder auch Mobiliar zu vergleichsweise gemütlichen ‘Oasen‘ auszustaffieren. Im Frieden war das auch nie als unangemessen wahrgenommen worden. Trotz ihrer gehobenen gesellschaftlichen Stellung entbehrten Offiziere mancher zivilen Freiheit, die wehrpfichtigen Soldaten in Kürze wieder offen gestanden hatte. Der Kriegsausbruch aber forderte von allen Schichten besondere Opfer. So stieg an Bord das Verlangen nach einer kameradschaftlicheren Angleichung der Lebensverhältnisse. Diese kam auch, allerdings erzwungen durch Deutschlands insgesamt katastrophale Versorgungslage. Vorwürfe, die 1917 noch ein egoistisches ‘Prassen‘ der Offiziere erkennen wollten, hatten dann in dieser Verallgemeinerung keine Berechtigung mehr. Die staatliche Pro-Kopf-Zuteilung, die jetzt für alle Grundnahrungsmittel wie Mehl, Fleisch usw. galt, machte vor den Messen nicht halt. Zumal selbst die zugebilligten Rationen in öffentlichen Geschäften nur schwierig zu erwerben waren. Zur Lebensmittelbeschaffung wandten sich die Messegemeinschaften der Offiziere und Deckoffiziere deshalb hauptsächlich an die Schlachtbetriebe, Bäckereien und Proviantmagazine, die von den Verpflegungsämtern des Marinefiskus schon vor dem Krieg betrieben wurden, damals aber insbesondere zur Lieferung der Mannschafts-Menage.XX Nichtrationierte Lebensmittel wiederum, wie Wild oder Geflügel, waren auf dem freien Markt nur zu exorbitanten Preisen zu bekommen. Deshalb blieben entsprechende Ankäufe selbst unter Offizieren die Ausnahme. Man denke bloß an den Wucherpreis von 150 Mark für eine 20-pfündige Gans. Oder satte 8 Mark pro Pfund Aal.5 Es gab zwar eine staatliche Anhebung der Mannschafts-Verpflegungssätze, die Tafelgelder der Offiziere waren jedoch gleichgeblieben. Aufwendige Speisenfolgen kannten sie daher nur noch an Feiertagen, wenn sich das Essen der Restbesatzung ebenfalls dem festlichen Anlass anpasste. Ein Vorteil blieb ihren Messen: Die separaten Kochgelegenheiten. Trotz Rationierung erlaubten sie weiter eine schmackhaftere Essenszubereitung, als die Massenbeköstigung der Matrosen und Heizer. Zugleich wurde diesen mit der getrennten Haushaltsführung der Menagekreise ein Einblick in die Abrechnung der Messe-Ankäufe vorenthalten, was den Argwohn förderte, hinter verschlossenen Türen führten die Offiziere immer noch ein unangemessenes Wohlleben. Begleitet von der Unterstellung, dass die Messen dafür Proviant stahlen der den Mannschaften zustand. Dass am Standort beheimatetes Personal bei Landurlauben die Lebensmittelrationen ausgehändigt erhielt, verschlimmerte den Menageverdruss. Ursprünglich war es eine sinnvolle Regelung. Nur auf Urlauben oder Dienstreisen die sie weiter vom eigenen Truppenteil entfernten, standen Militärangehörigen Verpflegungskarten zu, die eine selbständige Lebensmittelbeschaffung ermöglichten. Am Standort ansässige Urlauber hätten folglich zu allen Mahlzeiten an Bord zurückkehren müssen, wären ihnen die Rationen nicht mit nach Hause gegeben worden. Natürlich profitierten die oft in Kiel und Wilhelmshaven verheirateten Offiziere und Deckoffiziere am meisten von dieser Erleichterung. Also jener Personenkreis dem ohnehin unsolidarisches Verhalten vorgeworfen wurde. So wurden nun ihre Essenspakete zum Gegenstand hartnäckiger Diebstahlsgerüchte. Auch wenn die Rechtmäßigkeit der Mitnahme nachgewiesen wurde, blieb der Verdacht, die Portepee-Träger könnten ihre Essensportionen zu großzügig abgewogen haben. Tatsächlich gab es in Einzelfällen entwaffnende Schuldindizien, ohne dass behördliche Sanktionierungen bekannt wurden. Das förderte noch das allgemeine Misstrauen, dass da vielleicht eine Krähe der anderen kein Auge aushackte. Kurz und gut, um in der Verköstigungsfrage Ruhe zu schaffen wäre es höchste Zeit gewesen in der Flotte zwischen allen Dienstgradgruppen Transparenz und Einheitlichkeit herzustellen, wenn es Einkauf, Verwaltung und Zubereitung betraf. Den Grad der Verärgerung den hier der Verdacht der Benachteiligung bei Mannschaften hinterließ, unterschätzten hingegen die meisten Offiziere. Trugen sie Schuld an der reichsweiten Versorgungsmisere? Besserte sich diese durch Aufgabe ihrer Vorrechte? Na also! Mahner, die darin ein selbstverständliches Symbol kameradschaftlicher Solidarität gesehen hätten, bildeten in den Messen die Minorität.XX


    Tatsächlich lag die Ursache des Risses im Verhältnis von Offizieren und Untergebenen nicht allein im Ernährungsmissmut. Es war vielmehr dessen Kombination mit der Abnutzung der soldatischen Moral, welche die öde Arbeitsroutine der Flotte mit sich brachte. Begleitet von einer nie gekannten personellen Fluktuation auf den Großkampfschiffen, die dortigen Mannschaften die vertrauten Vorgesetzten entzog. Der Krieg, seine ungeahnte Länge, neue Waffengattungen und die Vielzahl der Kampfschauplätze, stellten die Marine vor einen Mangel an subalternen Führern. Also jener Offiziere die im Alltag das engste Verhältnis zu den Mannschaften besaßen. Die Annahme eines raschen Friedensschlusses hatte 1914 eine starke Einschränkung der Offiziersschulung bewirkt, die erst Ende 1915 wieder systematisch aufgenommen wurde. Obwohl sie mittlerweile für Seeoffiziere wie für Ingenieure einem zeitsparenden, praxisbezogenen Zuschnitt unterlag, verringert sich der Nachwuchsmangel nicht. Es waren die schnell angewachsenen Seeflugstreitkräfte, die jetzt zahlreiche Leutnants und Kapitänleutnants der Flotte wie einen Schwamm aufsogen. Vor allem aber die für kriegsentscheidend angesehene U-Bootwaffe. Mit endgültiger Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges am 01. Februar 1917 war die Schlachtflotte ganz in dessen Dienst getreten. Ihre Personallücken füllte unterdessen Ersatz mit fachlichem und menschlichen Lernbedarf.6 Aus Verlegenheit wurden die Maßstäbe zum Erreichen des Reserveoffiziersranges gelockert. Der Bedarf an qualifiziertem Offizierszuwachs zeitigte sogar Erwägungen deutsche Deckoffiziere gegen österreichisch-ungarische Seeoffiziere auszutauschen. Dies jedoch lehnten Vertreter der K.u.K.-Marine am 20. Juli 1918 ab. In Österreich-Ungarn gab es keine Deckoffiziere. Mit ihrer dortigen Einordnung als Portepeeunteroffiziere hätten sie auf Privilegien verzichten müssen, was Schwierigkeiten erwarten ließ.7 Dabei litt nicht nur das Offizierskorps der Schlachtflotte unter deren vorläufiger Rückstellung gegenüber dem U-Bootkrieg. Auch die fähigsten bzw. engagiertesten Unteroffiziere und Mannschaften wurden bevorzugt zur U-Bootwaffe kommandiert oder traten ihr freiwillig bei. Forderungen der Rüstungsindustrie nach vermehrten Freistellungen von Arbeitern gingen wesentlich ebenfalls zu Lasten des Kreuzer- und Linienschiff-Personals. Die Bewältigung daraus resultierender Unzulänglichkeiten in Fragen des inneren Dienstes oblag ausschließlich den Verbands- und Schiffsführungen. Verbindliche Richtlinien zur Wahrung der Disziplin bzw. zur Menschenführung gab es nicht. Im Seefahrtshistorisch geprägten Verständnis der Marine waren diese Fragen an Bord immer der individuellen Handhabung durch die Kommandoverantwortlichen vorbehalten gewesen.XX


    Gerade in den Besatzungen größerer Überwasserstreitkräfte stauten sich also 1917 bereits Lustlosigkeit und teilweise Aggression. Gerichtet gegen den Bordalltag und gerade auch die Manöver, deren ständige Wiederholung mit künstlichen Kampfszenarien den Gefechtswert hochhalten sollten. Dass seit Skagerrak eine echte kriegerische Bewährung fehlte, ließ den Aufwand zur Steigerung der nautischen und artilleristischen Fähigkeiten sinnlos erscheinen. Exerzierdrill kam in den Geruch der Schikane. Es häuften sich Beschwerden wegen überlangem Dienst, ungerechter Urlaubserteilung8 oder schlechtem Essen. Das deckte nicht zuletzt die Wilhelmshavener Postzensur auf, die ab Februar 1916 verschärft worden war. Seitdem galt die Auflage Briefe nur geöffnet und auf zwei Seiten begrenzt zu versenden. Bemerkte die Prüfstelle der Standortkommandantur dienstliche Interna, wurden Schreiben eingezogen und der Verfasser dem zuständigen Kommando gemeldet. Seit Spätsommer 1916 kam das häufiger vor, was einen ungefähren Anhaltspunkt liefert, wann allmählich der Stimmungsabfall an Bord einsetzte.XX Zumal die dortige Moral nicht nur der Verpflegungsunmut und allgemein das Gefühl soldatischer Nutzlosigkeit belastete, sondern noch die Instinktlosigkeit einzelner Vorgesetzter. Beleidigungen von Mannschaften waren nicht die Regel, allerdings sorgte es in den Decks für Gesprächsstoff beschimpfte z. B. ein Reserve-Ingenieur seine Heizer als „Schweine“.XX Solche Vorfälle bewiesen eine bei diversen Vorgesetzten noch lebendige Anschauung vom Soldaten als unmündigen ‘Material‘. Obwohl sie ihren Beitrag zur bewaffneten Landesverteidigung leisteten, wiederholte sich Mannschaften damit die Erfahrung des Zivillebens, wo Preußen-Deutschlands Staatswesen dem gemeinschaftsbewussten Einsatzwillen des ‘einfachen‘ Mannes misstraute und diesen eher als ‘Heloten‘ sah. Auf ältere, politisch aktive Reservisten mit langjähriger parteilicher Bindung, die sich vielleicht zudem gewerkschaftlich bei der Vertretung von Arbeiterinteressen engagierten, war die militärische Hierarchie nicht eingestellt. Ebensowenig auf das neue Misstrauen gegenüber dem Staat, nicht zuletzt ausgelöst dadurch, dass es seinen Organen nicht gelang Deutschlands Ernährungsprobleme zu mildern. Besonders zeigte es sich bei jungen Rekruten. Vielen fehlte schon der Vater, gleichzeitig war ihnen der tägliche Kampf um Nahrungsmittel vertraut. So fügten sie sich obrigkeitlichen Bevormundungen weniger duldsam als der Ersatz der Vorkriegszeit. Verkündeten nun Offiziere, dass Deutschland zur Verteidigung der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung nur einen Frieden eingehen dürfe, der umfangreiche Annexionen sicherte, personifizierte sich den Mannschaften ein Feindbild, das sich konkret für ihre Entbehrungen bzw. die lange Kriegsdauer verantwortlich machen ließ. Gerade eingedenk der ohnehin kursierenden Verdächtigungen, dass Offiziere ihre Messeprivilegien zur unangemessenen Lebenshaltung auf Kosten der Restbesatzungen missbrauchten. Um letzterem zu begegnen hatte Flottenchef Scheer im Oktober 1917 von seinem Offizierskorps ausdrücklich „strenge Selbstzucht“ XX in Verpflegungsfragen verlangt. Weiter mahnte Scheer, in den Messen sei „beim kameradschaftlichen Zusammensein, das zur Erhaltung der Dienstfreudigkeit im oft einförmigen Bordleben gepflegt werden muss, Maß“ zu halten.


    Das betraf auch das Abstellen alkoholbedingter Entgleisungen. Im Grunde lagen Trink- und Feiergewohnheiten der Marineoffiziere nicht exzessiver als beim Durchschnitts-Deutschen. Sie ‘begossen‘ Geburtstage oder gönnten sich einen Schluck zu anderen Anlässen. Verließ beispielsweise ein Kamerad das Kommando, wurde er in der Messe ‘abgefeiert‘. An sich hätte es die Mannschaften kaum gestört, wenn sich eine Offiziersrunde feuchtfröhlich gestaltete. Die Milieus von Handwerk, Industrie oder Seefahrt empfanden den tiefen Blick ins Glas beileibe nicht als anstößig. Der Punkt war, die Restbesatzung hätte solch ein „kameradschaftliches Zusammensein“ selbst gerne ab und an „zur Erhaltung der Dienstfreudigkeit“ gepflegt, durfte dies an Bord aber nicht und konnten es auch beim Landgang kaum. Bier und Kornschnaps fielen 1916 unter die Rationierung, die inzwischen die Grundgetreide fast vollständig für die Nahrungsmittelerzeugung beanspruchte. Weniger volkstümliche Alkoholika wie Wein oder Sherry waren andererseits weit teurer. Standen Offizieren also monatlich nur die 15 Glas Bier ihrer Untergebenen zu, besaßen sie den Vorteil größerer Geldmittel. Das traf sich mit dem Umstand, dass Fachhandel und Kasinos – die gesellschaftlichen Mittelpunkte unverheirateter oder garnisonsfremder Offiziere – noch erhebliche Wein- und Spiritousenbestände bevorrateten. Kam es dann nach Zechgelagen zum Missverhalten von Offizieren, wurde es seitens der Mannschaften scharf kommentiert. Bisweilen mit einem moralinsauren Unterton, der verdeckte, dass ihm nur der Frust über die eigene Benachteiligung in den täglichen Zerstreuungsgelegenheiten zugrunde lag und keine prinzipielle Ablehnung von Alkohol. Mag es gewesen sein wie es will, Offiziersfeiern wurden an Bord schnell bekannt. Übermannte vom geselligen Messeleben ausgesperrte Mannschaften vielleicht die Wut, mochte sogar mal ein eiserner Vorreiber, ein metallener Schließhebel bei Schotten, in die fröhliche Runde geworfen werden. So an einem Oktober-Samstag 1917 auf dem Kleinen Kreuzer ‘Karlsruhe‘. Schuldige wurden nicht ermittelt. Am Montag trat der Kommandant vor die Besatzung. Seine Rede war eine insgesamte Aufforderung sich keiner Aufsässigkeit schuldig zu machen, gestützt auf eine aktuelle Erklärung des Flottenchefs. Diese bezog sich auf größere Disziplinwidrigkeiten, die sich im Sommer bei der Marine ereignet hatten. Einige Aufrührer waren seitdem verurteilt und hingerichtet worden. Damit galt aber die Gefahr nicht als beseitigt, weil die wirkliche Urheberschaft in Deutschlands politischer Parteienlandschaft gesehen wurdeXX bzw. bei der U[nabhängigen]SPD9.


    Dass die USPD als parlamentarische Opposition von der Reichsleitung nicht zuletzt die Abgabe einer verbindlichen Erklärung forderte, die allen Kriegsnationen den Ausweg eines versöhnlichen Friedensvertrages eröffnete um dessen Abschluss international voranzutreiben, hatte auch bei Flottenmannschaften Nachhall gefunden. Ebenso ihr klassenkämpferisches Auftreten, während M[ehrheits]SPD und Gewerkschaften – die vertrauten Pfeiler des sozialistischen bzw. größten Teils der Arbeiterbewegung – sich seit Kriegsbeginn quasi in einer Zweckgemeinschaft mit der Obrigkeit befanden und ‘Burgfrieden‘ bewahrten. Eine offensive USPD-Unterstützung war hingegen für aktive Soldaten unmöglich. Für sie ruhte das Wahlrecht und parteipolitische Betätigung war beim Militär generell unerwünscht. Wie andere Marine-Kommandobehörden untersagte auch die Flottenführung in ihrem Befehlsbereich den „Beitritt zu politischen Vereinen, [die] Beibehaltung der etwa vor dem Diensteintritt erworbenen Mitgliedschaft und [den] Besuch von Vereinssitzungen jeglicher Art.“ XX Das Vorbild dieser Verbote lag beim § 49 des Reichsmilitärgesetzes, das sich mit der bundeseinheitlichen Strukturierung der Armee befasste und für den Soldatenstand von zentraler Bedeutung war.10 So nahmen es die Marine-Verantwortlichen ebenfalls zur Richtschnur für den Dienstrahmen, selbst wenn ihre Teilstreitkraft den Paragraphen formal nicht unterworfen war. Nur passiv durften Flottenangehörige daher politische Sympathien pflegen und die gesinnungsnahe Presse beziehen. Das Gebot überparteilicher Zurückhaltung, das sich bis zum ausdrücklichen Verbot revolutionären Schrifttums steigerte11, wurde auch bis Sommer 1917 lediglich von wenigen Mannschaften unterlaufen. Von Interesse ist hierbei, dass sich die Schiffsbesatzungen, speziell das technische Personal, oft aus den Industriezentren rekrutierten. Das projizierte die Mentalität und politischen Traditionen der Arbeiterbewegung an Bord. In diesem Sinne war dann bezeichnend, dass Matrosen und Heizer die sich schon länger unzufrieden äußerten, politisch zur Sozialdemokratie tendierten. Jedoch keineswegs ideologisch gefestigt. Unter den Flottenmannschaften erlangte ihre Kritik auch kein größeres Gehör, zumal sich die Kontakte untereinander meist in losen Bekanntschaften erschöpften. Schließlich ergaben sich aber aus diesem Kreis erste engagierte USPD-Sympathisanten. Über den Missmut der den täglichen Ungelegenheiten des Bordlebens entsprang, gelang es ihnen vielfach die mäkelnde, doch politisch eher indifferente Umgebung dazu zu bewegen, sich mit der neuen, klassenkämpferischen Partei solidarisch zu erklären. Im Juli und August 1917 war es in Wilhelmshaven zu größeren Unmutsäußerungen bzw. Gehorsamsverweigerungen unter den Flottenbesatzungen gekommen.12 Allgemeiner Unmut über die Lebensumstände hatte sich mit insgesamter Kritik am politischen System vermengt und zur Aktion geführt. Zumal eine Kontaktaufnahme mit der Berliner USPD-Spitze aufgedeckt wurde, entstand für das Flottenkommando der Eindruck einer linksoppositionellen Aufstandsbewegung in Mannschaftskreisen, welche die Seestreitkräfte lahmzulegen drohte. Wie schnell es den Anhängern auf zwei Schiffen gelungen war größere Besatzungsteile zur gemeinschaftlichen Gehorsamsverweigerung zu bewegen, galt als Beleg für die bereits erreichte Schlagfähigkeit. Die kriegsgerichtliche Behandlung erbrachte neben Gefängnis- und Zuchthausstrafen mehrere Todesurteile gegen die Hauptprotagonisten, von denen zwei durch Erschießen volllstreckt wurden.13 In der Marine nahmen die Mannschaften die Nachricht verhalten auf. Aufruhr gab es nicht. Nur wenige empörten sich wegen der Härte der Strafe. Verbreiteter war augenscheinlich das Bewusstsein, dass hier ein renitenter Zirkel die Obrigkeit quasi herausgefordert hatte. Nach einigen Nachrufen von linksozialistischer Seite, welche die Exekutierten als Märtyrer feierten,XX war es still um sie geworden. Ebenso um die übrigen Verurteilten, die ihre Haftstrafen in Celle und Köln verbüßten.


    Die Flottenführung war über den moralischen Verfall unter den Besatzungen alarmiert. Es wurde u. a. versucht ihm mit vaterländischer ‘Aufklärung‘ zu begegnen. Zivile Gastredner oder Offiziere hielten – mehr oder weniger talentiert – entsprechende Vorträge. Es wurde darauf gesetzt Deutschlands politische und wirtschaftliche Problemstellungen „mit allgemeinen vaterländischen Parolen überspielen zu können, ohne konkret Stellung nehmen zu müssen.“14 So griffen Vortragende auch gerne darauf zurück, den Mannschaften anhand historischer Vorbilder Hoffnung zu machen, in dem sie mit Blick auf vergangene Kriege und Krisen den Lohn eines leidensverachtenden Durchhaltens veranschaulichten. Da musste z. B. Friedrich der Große herhaltenXX, dessen Zukunft mehr als einmal auf der Kippe gestanden hatte. Das ging natürlich an den Alltagssorgen der Zuhörer vorbei, die um ihre eigenen wie um die Lebensbedürfnisse ihrer Familien kreisten. Als Hauptursache des Verdrusses in der Schlachtflotte galt aber ohnehin deren abwechslungslose Sicherungsroutine. Ohne wirkliche Notwendigkeit15 waren darauf im Oktober 1917 modernste Großkampfschiffe zur Eroberung der baltischen Inseln abgeteilt worden. Treffer konnten zum Verlust wichtiger Einheiten führen, mindestens mochten sie aber die Reparaturen dem Hauptkriegsschauplatz Nordsee geraume Zeit entziehen. Dennoch, im Gefolge der Sommerunruhen bei der Flotte hatten sich Admiralstab und Flottenkommando zur Inkaufnahme dieses Risikos entschlossen. Der vom öden Arbeitsalltag zermürbten Besatzungsmoral sollte durch offensive Betätigung wieder das Erlebnis eines Sieges vermittelt werden, um kriegs- und systemkritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Im Übrigen musste ein sichtbarer Sieg unter Beteiligung der Marine auch deren öffentliches Ansehen wieder heben.XX Als der Admiralstabschef dem Kaiser am 27. Oktober einen umfassenden Erfolg des Ösel-Unternehmens meldete, war er entsprechend zuversichtlich beim Flottenpersonal „günstig auf die Dienstfreudigkeit eingewirkt und damit die Manneszucht gestärkt und gehoben“ XX zu haben. Das war nur eine Momentaufnahme, weitere Offensivaktionen der Linienschiffsgeschwader mussten folgen. 1918 blieben sie hingegen insbesondere Kleinen Kreuzern und Torpedobooten vorbehalten, die Schlachtflotte verharrte wieder fast durchweg im Sicherungsalltag. In März und April wurden bloß drei ältere Großkampfschiffe abgeteilt, um Finnland bei der Abschüttelung der russischen Herrschaft zu unterstützen. Ansonsten gab es für die Hochseestreitkräfte 1918 nur im April einen großen Vorstoß. Er führte unter die norwegische Küste zur Abfassung eines jener alliierten Geleitzüge, die mit starker militärischer Eskorte zwischen Schottland und Bergen verkehrten. Dermaßen exponiert hatte sich die Flotte noch nie einem Angriff der Grand Fleet ausgeliefert bzw. von ihren Stützpunkten entfernt. Auf dem Marsch nach Norden wurde zunächst der britische Minengürtel durchquert.16 Ab Höhe Sylts bestand mittlerweile eine etwa 80 Seemeilen breite Gefahrenzone, zusammengesetzt aus zahlreichen Minenfeldern, in denen Sprenggefäße auch ihre Verankerung verloren und unberechenbar durchs Meer trieben. 17 Zwar kam schließlich die Flotte vollständig zurück, Angriffsziele hatten sich ihr vor Südnorwegen aber keine geboten. Obschon also Kampferfolge ausgeblieben waren, wurde dieser Unternehmung eine immerhin doch aufmunternde Wirkung auf die Besatzungen zugeschrieben. XX Anschließend verfielen diese in der Deutschen Bucht ein weiteres Mal dem eintönigen Wechsel von Kriegsbereitschaft vor Anker oder auch mal im Hafen und Vorpostendienst bzw. vorgeschobenen Deckungsaufgaben. Bloß unterbrochen von Werftzeiten und gelegentlichen Übungstörns zur westlichen Ostsee, wo Kiels friedensähnliches Etappeleben lockte. Dennoch blieb aus, dass sich missmutige Mannschaften erneut zum organisierten Protest zusammenschlossen. Die abschreckenden Kriegsgerichtsurteile von 1917 und eine erhöhte Observation seitens der Vorgesetzten, ergänzten sich in der Erschwerung derartiger Absichten. Disziplinarverstöße blieben Einzelfälle. Meist handelte es sich um Diebstähle oder Urlaubsüberziehungen. Sympathisanten der Links-Opposition die noch in der Marine agitierten, blieben für die Kommandobehörden mit Ausnahme vereinzelter Pamphlete unauffällig. Zur Benennung reichten die Anhaltspunkte nicht. Fehlten z. B. im Mai 1918 auf dem Kleinen Kreuzer ‘Karlsruhe‘ Geschützsicherungen, konnte das Kommando nur über eine politisch motivierte Sabotage mutmaßen. Für den Nachweis fehlten Zeugen oder das Selbstbekenntnis eines Täters.XX Erst als im Juli und August die militärischen Rückschläge an der Westfront insgesamt die deutsche Öffentlichkeit verunsicherten, wurde in der Flotte ein vermehrtes Aufkommen staatsfeindlicher Schriften messbar. Auch erreichten die Flottenführung Meldungen, wonach Mannschaften sich bei Beurlaubungen „häufiger in erstaunlich und beunruhigend gehässiger Art [...] über die Zustände in der Marine und über die Offiziere äußerten.“XX Grundsätzliche Zweifel an der Kriegsfähigkeit der Hochseestreitkräfte waren deshalb nicht aufgekommen. Äußerlich blieb der Dienstbetrieb schließlich von Störungen verschont. Sonst hätte Admiral Scheer, inzwischen Admiralstabschef, kaum mehr im Oktober einen neuen Flottenvorstoß in Aussicht genommen. Von Scheers ‘rechter Hand‘ zur personellen wie materiellen Operationsbereitschaft der Hochseestreitkräfte befragt, hatte sie der Stabschef des Flottenkommandos noch am 16. Oktober „uneingeschränkt“ XX bejaht. Indes kam es schon am 29. Oktober zu neuen Aufsässigkeiten. In diesem kurzen Zeitraum hatten sich die Spannungen zwischen Führern und Geführten dramatisch verschärft. Die Marineführung wollte noch den erwähnten Flottenvorstoß durchführen, während sich in Berlin im Zuge eines Demokratisierungsprozesses eine Regierung gebildet hatte, die seit Wochen versuchte über den amerikanischen Präsidenten eine Waffenruhe zu erreichen. Aber das ist eine andere Geschichte …


    Anbei vorerst ein Bilderanhang mit Schwerpunkt König-Klasse, weitere Fotos folgen heute Abend oder in den nächsten Tagen.


    Gruß

    Carsten


    Hinweisverzeichnis

    Im Text finden sich an diversen Stellen Nummern, anhand derer hier im Hinweisverzeichnis Erläuterungen gegeben werden die sonst den Erzählfluss gestört hätten. Darüber hinaus finden sich Doppelkreuz-Markierungen. Sie zeigen, dass es im jeweiligen Zusammenhang Quellenangaben gibt. Allerdings werde ich diese nicht veröffentlichen. Der Grund ist die allgemeine Einsehbarkeit des Forums. Ohne mir etwas auf meinen Beitrag einzubilden, mögen sich selbst hierfür noch Plagiatoren*innen interessieren. Denen will ich es nicht leichter als nötig machen. Forumsmitglieder mit Supporter-Status, die mich zu bestimmten Quellenangaben via PN anschreiben, bekommen natürlich Auskunft.


    1. Die auch von London ratifizierte Pariser Seerechtsdeklaration von 1856 gab den rechtlich verbindlichen Maßstab für eine Seeblockade vor. Vor allem im Hinblick darauf, Zivilisten im Allgemeinen sowie den neutralen Seeverkehr im Besonderen, vor der Willkür kriegführender Militärs zu schützen. U. a. mit dem Passus, „die neutrale Flagge deckt das feindliche Gut mit Ausnahme der Kriegskonterbande“. (XX) Das sollte selbst direkte Feindbelieferungen vor einem gegnerischen Zugriff schützen, sofern dieser außerhalb ausdrücklich ausgewiesener Blockaderegionen erfolgte und die Güter im wesentlichen die Versorgung der Zivilbevölkerung bezweckten. Unter Verletzung dieser und anderer Vorgaben bedrohte Großbritannien dagegen mittels seiner Flotte auch Sendungen für den zivilen Lebensbedarf mit Beschlagnahme, die nach internationalem Verständnis keiner Sanktion unterliegen sollten. Stufenweise hatte London seinen Bannwarenkatalog ausgeweitet und zur Hungerblockade perfektioniert. Nicht zuletzt auch durch Druckausübung auf neutrale Staaten, sich diesen Maßnahmen anzupassen. Als Widerspruch zu Großbritanniens Praxis einer Hungerblockade ist im Übrigen auch die Seerechtserklärung von 1909 zu nennen, die weitere Präzisierungen der Blockadefragen enthielt. Zwar wurde sie nicht international ratifiziert, aber ihr Inhalt entsprach letztlich nur den ansonsten schon allgemein anerkannten humanitären Rechtsnormen bzw. der Maxime die Zivilbevölkerung zu schonen. Großbritannien hingegen behandelte die Befolgung de facto als reine Machtfrage.


    2. Zitat Gerhard P. Groß, Neuauflage des ‘Krieg zur See 1914-1918‘, Nordsee Bd. 7, ‘Kritische Edition‘ von 2006. Ursächlich für diese bis heute verbreitete Auffassung war wohl der auf die ‘Wacht am Rhein‘ abgestimmte Spottreim „Lieb Vaterland, magst ruhig sein, die Flotte schläft im Hafen ein“, der in der Enttäuschung nach dem ersten Rückschlag zur See am 28. August 1914 aufkam. [XX] Er ist nicht auf die gesamte Kriegsdauer zu reflektieren, wie es bis in die Gegenwart einer plump sachfremden Wiederholung unterliegt.


    3. Ein Beispiel: Allein 1918 fasste ‘Markgraf‘, ein Großkampfschiff der ‘König‘-Klasse, bis zum 01. November 25.765 t Kohle. [XX]


    4. Beim Vorpostendienst auf der Osterems erfreuten sich z. B. kurze Badeausflüge zum Memmert-Sand großer Beliebtheit; damals schon ein Vogelschutzgebiet, und nur am zu Strand betreten.


    5. [xx] Bezogen sich diese Erinnerungen eines Matrosen die einen Preis von 7,50 Mark pro Pfund veranschlagten auf den November 1916, ist anzumerken, dass am 03. Juli 1917 per Reichsverordnung Oberpreise für den Handel mit lebenden und geschlachteten Gänsen erlassen wurden. In Gemeinden bis 100.000 Einwohner lag danach das vom Verbraucher für eine „ungeöffnete, gerupfte“ Gans maximal zu fordernde Entgelt bei 4 Mark je Pfund bzw. 4,25 Mark bei Ortschaften, die diese Einwohnerzahl überschritten. Im Übrigen blieb es den einzelnen Länderbehörden überlassen, diese Höchstgrenzen in ihren Kompetenzbereichen noch herabzusetzen. [XX]


    6. Resigniert bemerkte am 07. November 1918 auch der Marinestaatssekretär auf Beschwerden aus Mannschafts- und Unteroffizierskreisen: „Ich kann die Offiziere nicht ummodeln. Die besten Offiziere sind auf die U-Boote gekommen.“ [XX]


    7. [XX] Ihrerseits wehrten sich deutsche Marinebehörden dagegen, Deckoffizieren wegen des Offiziersmangels einen Führerstatus zuzubilligen. Während die Schiffsführung in früheren Zeiten bzw. auf Segelschiffen die nautisch-operative Gesamtleitung ausübte, hatten Deckoffiziere in ihren Fachgebieten noch eine eigene Weisungsautorität besessen. Technischer Fortschritt, und das vergrößerte Seeoffizierskorps hatten diese Sonderstellung untergraben, ebenso das stark angewachsene Ingenieurs-Aufkommen. Skeptiker des Deckoffizierstandes sahen in dessen privaten Bindungen eine Gefahr, da er ein ‘Kleine-Leute‘-Umfeld repräsentierte dessen Königstreue nicht vertraut wurde. Deckoffiziere mochten daher bei sozialen Konflikten im unbedingten Gehorsam gegenüber der Krone versagen. Ganz abgesehen davon, dass sich ihre Herkunft nicht selten mit ungeschliffenen Manieren bemerkbar machte. Von den Deckoffizieren bekämpft, tendierte daher die staatliche Behandlung ihres Standes seit Jahren auf Abwertung zum gehobenen Unteroffizier, was inzwischen als gesellschaftliches Politikum schon den Reichstag beschäftigte. Auch im Krieg, zu Zeiten des Führermangels, wollte die Marineleitung die soziale und militärische Stellung der Deckoffiziere bloß insoweit wieder restaurieren, als eine Wiederannäherung zum eigentlichen Offizierskorps unterblieb, dessen elitärer Charakter bzw. Homogenität gewahrt bleiben sollte. Bis 1918 das RMA zur Beruhigung von Deckoffizieren und Parlament doch das „Weihnachtsgeschenk“ [XX] einer Besserstellung vorsah, war der Krieg zu Ende.


    8. Im Krieg schrieb das Flottenkommando pro Mann zehn Tage Heimaturlaub im Jahr vor. Mehr Freizeit lag im Ermessen der Kommandos und der Gelegenheiten. Herkömmlich waren es Werftaufenthalte die eine großzügigere Urlaubserteilung gestatten, worauf sich die Besatzungen einstellten.


    9. Seit Anfang April 1917 gab es zwei sozialistische Parteien. Zum einen die althergebrachte SPD, wo man sich von der staatskonformen Einordnung bzw. der Unterstützung der deutschen Kriegführung endlich die gesellschaftliche Integration der Arbeiterbewegung versprach und somit auch deren Mitbeeinflussung eines möglichst baldigen Friedensschlusses. Zur besseren Unterscheidung als M[ehrheits]SPD bezeichnet. Demgegenüber hatten sich linksoppositionelle Strömungen verschiedener Schattierungen als U[nabhängige]SPD organisiert, wo sie sich nun einheitlich vom System Preußen-Deutschland sowie dessen Kriegsbegründung einer unumgänglichen Landesverteidigung distanzierten. Unter Neubelebung des Credos vom internationalen ‘Befreiungskampf‘ der Arbeiterklasse, hielt die USPD in ihrem Manifest die „sozialdemokratischen Massen“ (XX) dazu an, den eigenen Reichstagsabgeordneten bei ihrer Oppositionsarbeit eine Stütze zu sein und sich dabei auch von obrigkeitlichen „Erschwerungen“ (XX) nicht abhalten zu lassen. Vielsagend wurde an „die Proletarier Russlands“ (XX) erinnert, wo unlängst die ‘Februarrevolution‘ den Zaren zum Abdanken gezwungen hatte. Alles zielte darauf ab, auch Deutschlands Arbeiterbewegung – entgegen des von MSPD und Gewerkschaften eingehaltenen ‘Burgfriedens‘ – zu politischen Massenprotesten anzuspornen. Der Druck der ‘Straße‘ mochte der parlamentarischen Linksopposition einen militanten Rückhalt verleihen, der die Regierung am Ende zu demokratischen Kompromissen zwänge. Getrieben von der „Kraft des Proletariats“ (XX) sollte die Reichsleitung nicht zuletzt beschleunigt zur Abgabe einer verbindlichen Erklärung gebracht werden, die allen Kriegsnationen den Ausweg eines versöhnlichen Friedensvertrages eröffnete, um dessen Abschluss international voranzutreiben. Eine Steigerung bis zur Revolte die gewaltsam die Staatsmacht erobern wollte, war indes nicht vorgesehen – wenigstens vorläufig nicht. Im April 1917 galt Deutschland noch nicht als umsturzreif.


    10. § 49 d. Reichsmilitärgesetzes – nicht zu verwechseln mit den Kriegsartikeln oder dem Militärstrafgesetzbuch – bestimmte: „Für die zum aktiven Heere gehörigen Militärpersonen, mit Ausnahme der Militärbeamten, ruht die Berechtigung zum Wählen sowohl in Betreff der Reichsvertretung, als in Betreff der einzelnen Landesvertretungen. [...] Die Teilnahme an politischen Vereinen und Versammlungen ist den zum aktiven Heere gehörigen Militärpersonen untersagt."

    11. Ursprünglich hatte das Flottenkommando auch das Halten und Verbreiten allgemein sozialdemokratischer Schriften verboten, was allerdings 1914 anlässlich des ‘Burgfriedens‘ gelockert wurde.


    12. Zunächst am 20. Juli 1917 auf dem Kleinen Kreuzer ‘Pillau‘, dann am 01. und 02. August auf dem Großlinienschiff ‘Prinzregent Luitpold‘. Das letzte Glied zur Inhaftierung einer Reihe Flottenangehöriger dieser und anderer Schiffe, die der Mitgliedschaft in einer Aufstandsbewegung verdächtigt wurden, ergab eine Auflistung oppositioneller Vertrauensleute, die auf ‘Pillau‘ bei einem Oberheizer konfisziert wurde. [XX]


    13. Albin Köbis von ‘Prinzregent Luitpold‘ und Max Reichpietsch von ‘Friedrich der Große‘ wurden am 05. September 1917 auf dem Militärübungsplatz Wahner Heide bei Köln erschossen.


    14. Ein Urteil zum Vaterländischen Unterricht der Armeeführung. [XX] Sachlich lässt es sich auf die Marine übertragen. Die Armee besaß übrigens für den Vaterländischen Unterricht eigens geschulte Propagandaoffiziere, während ihn die Marine den Truppenoffizieren überließ oder zunächst auch zivilen Gastrednern. Den bekannten Begriff ‘Vaterländischer Unterricht‘ vermeide ich daher bei der Marine, weil es ihre ‘Aufklärung‘ an Professionalität nicht mit jener der Armee aufnehmen konnte.


    15. Weil mit keinem größeren Aufgebot russischer Seestreitkräfte zu rechnen war, hatten Expertenmeinungen dahin tendiert nur ältere bzw. zweitrangige Kriegsschiffe bei der Ösel-Unternehmung einzusetzen.


    16. Seit März 1918 begannen die Alliierten im Übrigen noch zwischen den Orkney Inseln und Norwegen eine Minenbarriere zu ziehen, die ‘Northern Barrage', um endgültig zu vereiteln, dass U-Boote die Nordsee verließen. Da dieser Bereich außerhalb der Reichweite deutscher Räum- oder anderer Flottenaktivitäten lag, spielt das für diese Darstellung keine Rolle.


    17. Eine Ahnung der Treibminen-Gefahr gibt die ‘Buitenlandsche Post‘ v. 11. Juli 1918, die sich auf Angaben der niederländischen Marine stützte. Danach wurden seit 1914 an die niederländische Küste 500 Minen unbekannter Herkunft sowie 4.061 britische, 340 deutsche und 80 französische Minen angetrieben. [XX]


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  • Supporter
  • Hey Carsten,


    Besten Dank für diesen Beitrag und die damit verbundenen Mühen.


    Bzgl. der Spannungen und Konflikte zwischen den Seeoffizieren und den Marine-Ingenieuren (auch während des Krieges) kann ich dieses Buch hier empfehlen: Thomas Scheerer - Die Marineoffiziere der Kaiserlichen Marine.


    Das habe ich mir vor kurzem gekauft und finde das, was ich bisher gelesen habe, ganz interessant. Vielleicht kennst du es ja bereits?


    Gruß

    Marco

  • Moin,


    im Beitrag erwähne ich den 28. August 1914. Ich hätte dazu schreiben sollen, das an diesem Tag bei Helgoland drei Kleine Kreuzer durch Missverständnisse und Auslaufverzögerungen schwerer deutscher Streitkräfte einem britischen Vorstoß zum Opfer gefallen sind. In meiner Marine-Blase ist mir das so geläufig, dass ich nicht an eine Erläuterung daran gedacht habe.


    Anbei neue Fotos zum Alltag auf Dickschiffen im 1. WK, weitere folgen.


    Gruß

    Carsten

  • Hallo Flyingdutchman,


    kann ich nur gratulieren, gefiele mir auch. Vor allem mal ein glaubhaftes Stück, direkt von Cox & Danks. Keine 'Glaubenssache', wie sie auf dem Sektor der Scapa-Bergungsstücke sonst meinst angeboten wird. Aber ich habe ebenfalls was exklusives von Moltke. Stammt neben diversen Fotos aus dem Nachlass des Vorsitzenden der Hamburger Moltke-Kameradschaft. Gerade der Splitter ist eine Wucht. Irgendwelche nicht sicher zuzuordnenden Splitter gibt es genug, aber von einer schweren [britischen] panzerbrechenden Granate mit Skagerrak-Gravur aus dem Finder-Nachlass ...


    Die Schrauben auf der Rückseite stammen von einer früheren Montierung auf einem Holzuntersatz. Das Suchen von Splitter-Souveniers konnten die Leute auf den deutschen Schiffen übrigens nicht abwarten. Da haben sich viele die 'Flossen' verbrannt, weil die Stücke noch viel zu heiß waren.


    Anbei eine Aufnahme von Cox und u.a. seinem wichtigsten Mitarbeiter Bergungsleiter McKenzie, unmittelbar nach dem Eindocken des Moltke-Wracks in Rosyth. War im Übrigen das erste von Scapa Flow nach Rosyth verbrachte Wrack, deshalb galt ihm auch besondere Aufmerksamkeit. Ansonsten hat sich Cox nicht oft fotografieren lassen.


    Morgen gibt's mehr Fotos zu den Großkampfschiffen im 1. WK.


    Gruß

    Carsten

  • Hallo Marco,


    da kommen auch noch ein paar. Leider kann ich mich nicht dazu durchringen die Aufnahmen in bester Qualität zu zeigen, die heutige Kopierfreude spricht einfach dagegen. Aber ich denke auch so vermitteln sie einen Eindruck vom Leben der Dickschiffbesatzungen.


    Gruß

    Carsten

    SUCHE ENTERSÄBEL M 1849 DER ERSTEN REICHSFLOTTE.

  • ... sehr schöne, ergänzende Fotos, danke fürs Zeigen!


    Gern würde ich auf das eingangs Geschriebene noch kurz eingehen.


    Ich verstehe durchaus, dass die räumliche Enge, die schlechte und hierarchische Versorgung ein Grund waren, der 1917 zu den Unruhen führte. Vergleicht man diese Schwierigkeiten aber mit dem Elendsdasein des Frontsoldaten im Schützengraben, so bleibt ein bitterer Beigeschmack.

    Dazu kamen die - vielleicht nicht so häufig wie angenommenen - Liegezeiten der Großkampfschiffe nebeneinander im Hafen. Die gemeinsamen Freizeiten wurden dann auch gern von einigen zur Unmutsäußerung genutzt, unterstützt von der USPD.


    Auf U-Bootseinheiten, Vorposten- Torpedo- und Minenräumbooten kamen offensichtlich solche Dinge nicht vor. Das wird sicher an der Nähe des Offizierkorps zu Mannschaften und Unteroffizieren gelegen haben, sicher aber auch an der notwendigen Einsatzdisziplin. Und die hat man eben nur im Kampfeinsatz und nicht in geselliger Runde im Hafen, wo die üblichen Meckerer erst ihren Resonanzraum erhalten.


    Beste Grüße

    Flyingdutchman

  • Hallo Witte,


    das Signalpersonal und die Bilder im Zusammenhang mit Oesel kannte ich von Markgraf noch nicht. Danke fürs Zeigen, mache ich hier doch nicht den Alleinunterhalter.


    Gruß

    Carsten


    SUCHE ENTERSÄBEL M 1849 DER ERSTEN REICHSFLOTTE.

  • Hallo Flyingdutchman,


    ich meinte eigentlich mit meinen Ausführungen und Fotos ausreichend verdeutlicht zu haben, dass die Großkampfschiffe „nicht so häufig wie angenommen“ im Hafen lagen, als dass noch ein „vielleicht“ davorgesetzt werden müsste. Da bin ich etwas enttäuscht bzw. bitte um Gegenbelege. Überzeugen würden mich einschlägige Kopien von Schiffskriegstagebüchern die im Militärarchiv in Freiburg schlummern und von denen ich schon ein paar in der Hand hatte.


    Zum Vergleich mit dem Schützengraben ist anzumerken, dass dort die Soldaten nicht ständig in vorderster Linie bzw. in ihrem „Elendsdasein“ blieben, sondern nach einigen Tagen in Reservestellungen oder in die Etappe abgelöst wurden. Anders als die Dickschiffbesatzungen, die permanent in ihrer doch ebenso arbeitsintensiven wie trostlosen Umgebung blieben und bei Vorposten- u. Deckungsaufgaben mindestens immer damit rechnen mussten, mit ihrem ‘Zuhause‘ torpediert zu werden oder auf eine Mine zu laufen. So etwas zerrt schon an den Nerven. Wenn dann noch Unstimmigkeiten bzw. Misstrauen gegenüber den Vorgesetzten dazukommen ….


    Im Schützengraben lagen Vorgesetzte samt Untergebenen im selben Dreck, ähnlich erlebten das auch die Torpedo- oder U-Boot-Besatzungen. Demgegenüber war das Leben auf den Großkampfschiffen ein Abbild der Klassengesellschaft geblieben, selbst wenn der Offiziersalltag kriegsbedingte Abstriche hinnehmen musste. Aus diesen moralzersetzenden sozialen Spannungen des Kaiserreichs haben später ja auch die Nazis mit der Propagierung der ‘Volksgemeinschaft‘ ihre Lehren gezogen. Immer ist sich jedenfalls vor Augen zu halten, dass es sich bei den Mannschaften des Frontheeres und der Großkampfschiffe um Zeitgenossen aus ein und demselben Land handelte, die vielfach mal mit der gleichen Begeisterung in den Krieg gezogen waren.


    Von einer Unterstützung durch die USPD kann in dieser Pauschalität nicht gesprochen werden. Immerhin wusste sich die Partei seit den Flottenunruhen von 1917 und der Verbindungsaufnahme einiger Matrosen bereits scharf beobachtet und musste befürchten, vielleicht noch verboten zu werden. Überhaupt war die USPD dafür viel zu heterogen. Schon die Schaffung eines einheitlichen Parteiprogramms hatten deshalb die verschiedenen Strömungen lieber auf die Friedenszeit vertagt. Sie reichten von Mitgliedern welche die nationale Landesverteidigung unterstützen wollten, wenn Preußen-Deutschland dafür demokratische und soziale Zugeständnisse machte, bis hin zu Radikalinskis, die es zu Revolution und einer vermeintlich internationalen Proletarierverbrüderung drängte. So ist die Aufhetzung ohnehin schon missmutiger Flottenmannschaften eher einzelnen USPD-Mitgliedern oder Sympathisanten zuzuschreiben und das auch nur eingeschränkt z. B. durch Belieferung mit entsprechendem Schrifttum.


    „Kampfeinsatz“ allein hält auch nicht frisch. Nicht umsonst hatte es die Oberste Heeresleitung 1917 für nötig erachtet einen ‘Vaterländischen Unterricht‘ einzuführen. Ich erinnere auch an das Hochschnellen der Zahlen jener Frontsoldaten die lieber die alliierte Kriegsgefangenschaft suchten, statt weiter ihr Leben einzusetzen, seit in der 2. Jahreshälfte 1918 an der Westfront Rückschlag auf Rückschlag folgte. Also viel ‘verrotteter‘ als ihre Kameraden vom Heer waren die Matrosen und Heizer der Großkampfschiffe gar nicht.


    Anbei die nächste Portion Fotos, weitere folgen.


    Gruß

    Carsten

  • Als ich bei der Marine war, kamen viele Kameraden aus Bayern oder Baden Württemberg. Im Scherz wurde auch manchmal vom 'Kreiswehrersatzamt Palermo' gesprochen.


    BITTE NICHT PERSÖNLICH NEHMEN!!!


    Gruß

    Carsten

    SUCHE ENTERSÄBEL M 1849 DER ERSTEN REICHSFLOTTE.