Erschossene und Verwundete in Kiel, Matrosengewalt am 05. November 1918.

  • Moin,


    Ausgangspunkt ist, dass sich im Faden “Matrosenrevolte 1918: Erste Unruhe auf Großkampfschiffen …“ Interesse an den Umständen von Kpt.z.S. Wilhelm Heines Tötung ergab. Insofern erscheint es angebracht, nicht erst bis zum nächsten Jahrestag zu warten, um den schon so oft falsch geschilderten Tatablauf vom 05. November 1918 einmal richtig darzustellen. Zum Verständnis der Umstände bedarf es aber einer Schilderung der vorherigen Tagesereignisse, jedenfalls der bedeutendsten, weshalb ich dazu einen neuen Faden eröffne.


    Der 05. November, ein Dienstag, war in Kiel von Gewalt geprägt. Tags zuvor hatten sich die lokalen Militärbehörden notgedrungen auf Verhandlungen mit den aufständischen Matrosenmassen eingelassen, mittlerweile beherrschten diese mit den Soldatenräten der einzelnen Truppenteile Garnison und Stadt. Es gelang ihnen auch morgens auf vielen Dienstgebäuden und Schiffen die Ablösung der alten Ordnung durch das Heißen roter Fahnen zu unterstreichen. Auf dem Großkampfschiff ‘König‘ hingegen, das hochaufragend im Schwimmdock der Kaiserlichen Werft lag, hatte das die Schiffsführung verhindert.1 Die Kaiserliche Kriegsflagge wehte weithin sichtbar an der Gaffel des Großmastes. Derweil lief am gegenüberliegenden Ufer, wo die Innenstadt lag, eine Menschenmenge auf, gerade in dem ‘König‘ am nächsten liegenden Bereich von Schuhmacherstraße und Wall. Es waren Marinemannschaften und Zivilisten. Von Abgesandten der Aufständischen war dem Kommandanten Kpt.z.S. Karl Weniger bereits angedroht worden, das Aufziehen einer roten Fahne gewaltsam durchzusetzen, sollte es nicht freiwillig erfolgen. Zur Bewachung der Kriegsflagge bzw. deren Leine zum Heißen und Niederholen, postierte sich daher Weniger auf dem darunter liegenden Aufbau. An seiner Seite befanden sich die Offiziere der Kriegswache, also eine gegenüber dem Regelfall erweiterte Wachbesetzung. Die übrigen Offiziere wurden ebenso wie die Seekadetten unter Deck geschickt, wohin auch alle Mannschaften verschwanden. Während die Wachgruppe der ‘König‘-Offiziere passiv und nahezu ungeschützt auf dem achteren Aufbau ausharrte, nahmen sie von Land Matrosen und Arbeiter zur Erzwingung des Flaggenwechsels bald nach 8 Uhr mit Gewehren unter Feuer. Die Schüsse fielen vom städtischen Ufer, wie auch vom gegenüberliegenden Werftareal aus. Als erstes brach Lt.z.S. Wolfgang Zenker verwundet zusammen, der mit Kommandant Weniger auf einer Lüfterplattform in Nähe der Flaggleine einen besonders exponierten Standort innegehabt hatte.2 Auch Weniger hielt sich nur noch mit Mühe aufrecht, ihn hatten ebenfalls bereits drei Schüsse schwer verletzt.3 Plötzlich versuchte ein Besatzungsmitglied, ein Obermatrose, die Kriegsflagge niederzuholen. Von Weniger bei gezogener Pistole mit “Weg da“ angeschrien, begann sich ihm der Obermatrose “mit dem Ruf: Kameraden helft mir“ xx abrupt zu nähern. Schon vom Blutverlust geschwächt und fraglos nicht mehr im Vollbesitz seiner Sinne, wird Weniger befürchtet haben überwältigt zu werden. Er schoss gleich viermal hintereinander, der Obermatrose war sofort tot. xx Das kurzzeitig von “Hurra“-Rufenxx des Auflaufs an Land abgelöste Gewehrfeuer, lebte nach Zusammenbrechen des Obermatrosen wieder auf. Momente später ging der Erste Offizier Korv.Kpt. Bruno Heinemann in die Brust getroffen zu Boden. Ein “Schuss durch den Kopf“, ließ schließlich auch Kommandant Weniger ohnmächtig zusammensacken. Die Verantwortung für Schiff und Besatzung trug nun Korv.Kpt. Ernst Junkermann, der älteste noch dienstfähige Seeoffizier. Nach Verwundung noch eines Oberleutnants, befahl Junkermann ob der aussichtslosen Lage die Bewachung der Kriegsflagge einzustellen. Die Offiziere zogen sich in ihre Kammern zurück. Aufständische drangen an Bord ‘König‘, die unter Beifallsäußerungen der von Land beobachtenden Menschenmenge die Kriegsflagge gegen eine rote Fahne austauschten. Zenker, Heinemann und Weniger wurden ins Lazarett in der Wik gebracht, der im Stirnbereich verwundete Oberleutnant kam ohne stationäre Behandlung aus. Heinemann erlag noch am 05. November seinem Lungenschuss, Zenker starb drei Tage später an der Rückenmarksverwundung. Heinemanns Angehörige ließen den Leichnam nach Stralsund überführen, während Zenker am 21. November in Leipzig eingeäschert und auf dem Südfriedhof beigesetzt wurde. Kommandant Weniger hingegen überlebte, erholte sich aber nie mehr ganz von seinen schweren Verletzungen. Nach Wolfgang Zenker und Bruno Heinemann, benannte die Kriegsmarine in den 1930ern zwei Zerstörer.


    Auch auf offener Straße sahen sich Portepeeträger in Kiel am 05. November nahezu vogelfrei. Am Vorabend waren die Garnisonsoffiziere in ihre privaten Unterkünfte beurlaubt worden. Begaben sie sich morgens in Uniform zur Dienststelle, stellten sich ihnen unterwegs mit “roten Bändern und Waffen behangene“xx Aufständische in den Weg. Unter Beschimpfungen, aber auch körperlichen Misshandlungen, entrissen diese den früheren Vorgesetzten neben teilweise mitgeführten Pistolen die Insignien des alten Systems: Säbel, Dolche, Schulterstücke sowie die Mützenabzeichen auf denen Kaiserkrone und Eichenlaub die Kokarde umkränzten. Ungehemmt entlud sich an den Offizieren lang aufgestauter Unmut der Untergebenen. Dabei hatten die Verhandlungsführer der Matrosen noch am Vorabend Admiral Souchon und aus Berlin angereisten Politikern des Regierungslagers versichert, derartige Übergriffe sofort abstellen zu wollen. Dass zusehends hysterischer werdende Misstrauen gegen eine etwaige Sabotierung der Aufstandsbewegung durch Repräsentanten des alten Systems, hatte seitdem allerdings die Aggressivität der Mannschaften angeheizt. In Erwartung “rüpelhafter Belästigungen“, verließen daher Offiziere oftmals gar nicht erst ihr Heim. Andere verfielen selbständig darauf, beim Ausgang Zivilzeug anzulegen, um sich unbelästigt in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Vom Stationskommando erging schließlich auch eine entsprechende Empfehlung. Weil jedoch viele Offiziere in ihren Wohnungen isoliert waren, private Telefonanschlüsse waren noch keine Selbstverständlichkeit, sprach sich das nur schleppend herum. Widerstand organisierte sich unter ihnen nirgends, nachdem das Stationskommando unter Admiral Souchon mit den Aufständischen einmal in Verhandlungen getreten war.


    Besonders unbeliebte Vorgesetzte waren selbst an ihren Privatadressen nicht sicher. Matrosenpatrouillen erschienen dort vormittags, um sie im Gewerkschaftshaus Soldatenvertretern zum Verhör vorzuführen. Ebenso durchstöberten Gruppen aufständischer Mannschaften Hotels, die als typische Offiziersherbergen galten. Beispielsweise wurden im ‘Continental‘ Offiziere zum “abtakeln“xx ihrer Uniformeffekten und Waffen aus den Zimmern geholt. Schikanen sahen sie sich auch bei ‘Holst’s‘ ausgesetzt, wo unter anderem der Inspekteur des U-Bootwesens residierte. Desgleichen Admiral Souchon, Kiels legitimer Militärbefehlshaber. Nachts, um 2 Uhr herum, hatten die Aufständischen Souchon zunächst zum Bahnhof abgeführt, um ihn etwa per Zug ankommende Eingreiftruppen zur Umkehr auffordern zu lassen. Inzwischen zurück nach ‘Holst‘s‘ eskortiert, stand Souchon weiter unter Bewachung. Die Matrosen sicherten sich damit einen Vermittler und gegebenenfalls auch eine Geisel, sollten auswärtige Armeeverbände versuchen die Aufstandsbewegung niederzuschlagen.


    Inzwischen “fuhr ein Lastauto nach dem anderen“ beim Gewerkschaftshaus vor. Beladen mit Gewehren aus Garnisonsbeständen, die der Selbstbedienung durch aufständische Soldaten und Arbeiter überlassen blieben. Einzelne Zivilisten, die “mit roter Schärpe und umgegürtetem Offizierssäbel“xx anscheinend Aufsichtspersonal des mittlerweile gebildeten Arbeiterrates darstellten, überforderte die Situation. Wiederholt lösten sich versehentlich Schüsse. Die militärischen Posten und Patrouillen wiederum, die sich nachts auf Befehl der Matrosen-Wortführer als Sicherheitskräfte über Kiel verteilt hatten, agierten unterdessen auf sich allein gestellt. Statt ein beruhigendes Bild der Ordnungswahrung abzugeben, fuhren zum Beispiel manche in eigenmächtig requirierten LKW umher und betätigten sich unter Drohgesten als waffenstarrender Bürgerschreck. Parallel untersagten die Aufständischen den Polizisten der Bezirksreviere mindestens teilweise die Dienstausübung. Bald schreckte das willkürliche Einschießen eines neu zur Sicherung des Gewerkschaftshauses aufgestellten Maschinengewehres die Innenstadt auf. Die Zustände in Kiel muteten anarchisch an. Sie waren das Ergebnis, dass die Repräsentanten der Matrosen zwar die Ordnungsaufsicht über Garnison und Stadt beanspruchten, aber dafür keine einheitliche Überwachungs- und Koordinierungsinstanz besaßen. Umso größer wurde das Interesse an der Einsetzung eines Soldatenratsvorsitzenden als zentralem Geschäftsführer.


    Für 13 Uhr hatten die tonangebenden Matrosenvertreter auf dem Wilhelmplatz eine Versammlung aller Garnisons- und Schiffsmannschaften anberaumt. Seit dem späten Vormittag bewegten sich lange Marschkolonnen von Marineangehörigen unter Mitführung ihrer Waffen dorthin. Teils unter Kapellenbegleitung und roten Fahnen. An den Uniformen, gerade im Knopfloch am Revers, waren oft rote Bänder oder noch auffallendere rote Schleifen mit bisweilen geradezu Bukett-Charakter zu sehen. An den Mützen fehlte gelegentlich die schwarz-weiß-rote Kokarde oder war rot übermalt worden. Als Schutz vor ‘reaktionären‘ Störversuchen, hatten die Aufständischen die Zugangsstraßen zum Wilhelmplatz mit unter anderem Maschinengewehrposten gesichert. Zum festgesetzten Kundgebungsbeginn waren bei Regen “tausende und Abertausende von Blaujacken“ zusammengekommen. Ein Autodach diente Rednern als Bühne. Zu Wort meldete sich auch der “mit großem Hurra-Geschrei empfangene“ M[ehrheits]SPD-Politiker Gustav Noske. Obschon Zivilist, bot er sich der Matrosenmasse zur Übernahme des Soldatenratsvorsitzes an.4 Noske hatte sich als Reichstagsabgeordneter bei der Marine einen Namen gemacht. Als Experte der MSPD-Fraktion für Angelegenheiten dieser Teilstreitkraft und Ko-Referent für deren Etat im Reichstags-Hauptausschuss, hatte er sich um persönliche Einblicke in den Bordalltag bemüht und die Flotte besucht. Obschon die MSPD insbesondere seit ihrer Regierungsbeteiligung von Teilen der Anhängerschaft kritisch beäugt wurde, war Noske deshalb bei der Marine immer noch populär. Die Reaktion der Menge auf seine Rede war auch “brausende Zustimmung“, wie Noske vermerkte. Mit dem Soldatenratsvorsitz oblag ihm die Zentralleitung der lokalen Ordnungs- und Sicherheitsangelegenheiten. Darüber hinaus gehende Entscheidungen, beispielsweise hinsichtlich der Ziele der Aufstandsbewegung, hätten erst wieder einer zustimmenden Versammlung der Matrosen bzw. ihrer Delegierten bedurft. Das nur am Rande, um zu verdeutlichen, dass Noske mit dem Soldatenratsvorsitz nicht etwa eine Art Regierungsauftrag übertragen worden war.


    Noske hatte die Versammlung schon zur Geschäftsübernahme verlassen, als die Matrosen als bewaffneter Demonstrationszug vom Wilhelmplatz abrückten. Kapelle voran, marschierten sie in “endloser“ Kolonne Richtung Innenstadt. Arbeiter, andere Zivilisten und auch Matrosen, gingen auf dem Gehsteig nebenher oder belebten angrenzende Straßen. Schließlich befand sich der Zug auf der Straße Fleethörn. Beim Passieren des Bereiches Rathaus und Kleiner Kiel, ein von herrschaftlichen Geschäfts- und Privatgebäuden umstandenes Park- und Seengelände, fielen gegen 14 Uhr irgendwo Schüsse. Panisch zerstoben die Menschen und suchten Deckung. Schnell wurde unterstellt, Offiziere hätten aus Häusern auf Marinemannschaften gefeuert. Diese begannen umstehende Gebäude mit Gewehren und Pistolen zu beschießen. Rathaus und ‘Vereinsbank‘, das Hotel ‘Deutscher Kaiser‘ am Martensdamm oder vis-à-vis die Spar- und Leihkasse am Eingang zur Bergstraße, wo bekannt ist, dass ein Lehrling verwundet wurde. Ein Maschinengewehr, das in der Nähe die weitere Umgebung des Gewerkschaftshauses sicherte, fiel in die “regellose Schießerei“ xx ein. Der wüste Waffengebrauch gegen vermeintliche Heckenschützen sprang auf angrenzende Stadtareale über. Unter anderem nahmen Aufständische das Polizeipräsidium in Nachbarschaft des Gewerkschaftshauses unter Feuer oder auch das Gerichtsgefängnis in der Harmsstraße. Ebenso wurde beim Bahnhof das bereits nachts durch Maschinengewehrfeuer in Mitleidenschaft gezogene ‘Hansa-Hotel’ erneut “systematisch beschossen.“xx Am Ende reichte, dass in einem Haus “ein Fenster offenstand“xx, dass es von der Straße wild unter Feuer genommen wurde. Anderswo mag es schlicht die großbürgerliche Fassade gewesen sein, die ein Gebäude zum Ziel machte. Wie eine Kieler Zeitung vier Tage später dazu schrieb, sei vielfach “ganz sinnlos drauflos geknallt worden. In der Holstenstraße, nahe der Holstenbrücke, wurden z. B. zwei Matrosen beobachtet, die bei der allgemeinen Schießerei sich damit vergnügten, ihre Gewehre in die Luft abzufeuern. Als eine Geschäftsinhaberin den einen Schützen fragte, weshalb er solches tue, sagte er lachend: ‘Ich möchte mal sehen, wie die Kugel runterkommt.‘ “xx


    In einem Elektrizitäts- und Wasserwerk kostete die Schießwut einem Techniker das Leben. Ansonsten finden sich auf dem Kieler Nordfriedhof unter anderem die Gräber von Ober-Hoboistenmaat Ludwig Klaus, sowie des Obermatrosen Hermann Karp von der I. Matrosen-Division. Laut Todesanzeige der Kameraden xx, “fielen“ sie am 05. November “im Kampf für die Freiheit“. Mutmaßlich starben beide bei den Schusswechseln, die sich nachmittags in der Stammkaserne der I. Matrosen-Division Marineangehörige untereinander lieferten. Noske erinnerte sich, dass in der Kaserne das Schießen “besonders wild“ gewesen sei. Die ‘Kieler-Neuesten-Nachrichten‘ berichteten, auf dem Kasernenhof hätten sich Offiziere und Applikanten mit “Soldaten der Bewegung“ einen “lebhaften Feuerkampf“ geliefert. “Auch Maschinengewehre griffen in das Gefecht ein“, das bis etwa 15 Uhr gedauert habe. Soweit das bürgerliche Blatt. Eine Bewahrheitung dieser Meldung, hätte all jene Verdächtigungen der Arbeiter und Matrosen gerechtfertigt, die Offizieren und Offiziersanwärtern eine anhaltende Bereitschaft zum Waffengebrauch gegen die Aufständischen unterstellten. Desto überraschender, dass die Kieler ‘Volks-Zeitung‘, die ob ihrer sozialdemokratischen Ausrichtung den Räten der Arbeiter und Soldaten nahestand, insbesondere seit mit Gustav Garbe und Noske in beiden Organen MSPD-Funktionäre den Vorsitz führten, nichts darüber berichtete. Insofern erscheint eine Beteiligung der in den ‘Kieler-Neuesten-Nachrichten‘ genannten Dienstgrade zweifelhaft. Möglicherweise haben sich nur Matrosen untereinander bekämpft. Immerhin bekundete die Todesanzeige des Musikkorps der I. Abteilung der I. Matrosen-Division, die speziell Ober-Hoboistenmaat Klaus gedachte, auch eher zurückhaltend, er sei “infolge eines Unglücksfalles“ ums Leben gekommen. Im Übrigen beschädigten sogar zwei 8,8 cm Kanonenschüsse ein vermeintlich verdächtiges Gebäude an der Ecke Hafen- und Kaistraße, abgefeuert von einem Vorpostenboot.


    Es hieße bei einem Forumsbeitrag den Rahmen sprengen, diese und die noch ungenannten Schauplätze des blindwütigen Waffeneinsatzes durch die Matrosen vollständig und im Detail zu schildern. Festzuhalten bleibt, dass er nach einem zeitgenössischen Artikel der ‘Volks-Zeitung‘ zu den Nachmittagsereignissen des 05. November, unter Soldaten und Zivilisten acht Tote und zwölf Verwundete forderte.5 Offizieren indes, war trotz sofortiger Festnahmen und Hausdurchsuchungen nirgendwo ein Waffengebrauch nachzuweisen. Kamen überhaupt Feuerwaffen zum Vorschein, waren sie längere Zeit nicht benutzt worden. Man fand nicht einmal in allen verdächtigen Gebäuden Offiziere. Mit viel Geschrei und fuchtelnden Fäusten, trieben Matrosen stattdessen unter anderem ältere Zivilisten beiderlei Geschlechts aus ihren Wohnungen, um sie zum Verhör ins Gewerkschaftshaus abzuführen. Überhaupt dürfte die eigentliche Ursache der angeblichen ‘Offiziers-Hinterhalte’ in der nervlichen Überspannung und Unbeherrschtheit der Aufständischen zu suchen sein. Überliefert ist ihre leichtsinnige Handhabung der inzwischen wahllos verausgabten Waffen. Nicht zuletzt in diesem Punkt befand sich die Disziplin im Zustand fortgeschrittener Auflösung. Nachts und vormittags hatten sich schon öfter versehentlich Schüsse gelöst, andere wurden aus Übermut abgegeben. Nach Ende der Wilhelmplatzkundgebung mögen sich in der abrückenden Demonstrantenmasse ähnliche Zügellosigkeiten ereignet haben. Die Situation unübersichtlich, die Sorge vor einem ‘reaktionären‘ Gegenschlag groß, mochte dann unqualifiziertes Schießen schnell mit Anschlagsabsichten gegen die Aufstandsbewegung in Verbindung gebracht worden sein. Dass Marinemannschaften und Arbeiter in der aufgekratzten Stimmung unbesehen Offiziere dafür verantwortlich machten, überrascht nicht. Sie waren derzeit das Feindbild schlechthin.


    Zumal sie teilweise in unmittelbarer Nachbarschaft stattfanden, drangen die Schießereien fraglos auch zum Kieler Schloss durch. Dort bewachten Posten der Matrosenräte den Generalinspekteur der Marine, Großadmiral Prinz Heinrich von Preußen, den Bruder des Kaisers. Wohl ob seiner Bedeutungslosigkeit für die praktische Tuppenführung6, hatte er bislang keine Drangsalierungen zu erleiden gehabt. Von Heinrichs Familie befanden sich die Frau sowie der älteste Sohn im Schloss. Dass aus den angrenzenden Vierteln herübertönende Schießen, dürfte ohnehin bestehende Sorgen um ihr Schicksal vertieft haben. Immerhin stand allen Zeitgenossen und wohl insbesondere Angehörigen des Kaiserhauses, dass blutige Ende der russischen Zarenfamilie frisch vor Augen. Ob überredet oder aus eigenem Antrieb ist ungewiss – Heinrich entschloss sich samt Angehörigen zu fliehen. Es herrschte längst Dunkelheit, als er, Frau, Sohn und einige Mitglieder des Hofstaates gegen 19 Uhr über unterschiedliche Nebenausgänge das Schloss verließen. Bei einem Treffpunkt in der Nähe wieder vereint, machten sie sich mit einem Auto auf den Weg nach Hemmelmark, Heinrichs Landgut nordöstlich Eckernförde. Vor Abfahrt wurde am prinzlichen Wagen eine rote Fahne befestigt 7. Die Häme mit der das seitdem immer wieder mal kommentiert wurde, ist fehl am Platz. Den motorisierten Verkehr beherrschten rot beflaggte Autos und LKW, Abweichler mochten Unwillen oder Misstrauen erregen. Gerade hatte Heinrichs Wagen auf der Levensauer-Hochbrücke den Nord-Ostsee-Kanal überquert, da stoppten ihn fünf bewaffnete Matrosen. Deren LKW hatte eine Panne, Heinrichs Chauffeur musste bei der Reparatur helfen. Der Prinz wahrte derweil die Fassung, unterhielt sich mit den Matrosen, wobei er der Kieler Aufstandsbewegung ein baldiges Strafgericht prophezeite. “Daraufhin“xx baten zwei Mann heimlich bzw. “leise“ nach Eckernförde mitgenommen zu werden, “sie hätten nichts mit den anderen zu tun“xx. Als Heinrichs Auto nach beendeter LKW-Reparatur weiterfahren durfte, standen sie auf den Trittbrettern. Kaum 15 Meter weit gekommen, eröffneten die drei zurückgebliebenen Leute das Feuer. Der Matrose Oskar Schlüder aus Eckernförde, verheiratet und Vater zweier Kinderxx, fiel tödlich getroffen vom Trittbrett. Sein Kamerad sprang unverletzt ab. Auch die sechs Insassenxx des Autos kamen mit dem Schrecken davon, obschon es acht Projektile trafen.


    Die Schützen meldeten den Vorfall umgehend nach Kiel, wo der Eindruck entstand, als hätten Heinrich oder seine Begleitung den arglosen Schlüder erschossen. Im Gebäude des Stationskommandos erfuhren die Soldatenrepräsentanten gegen 21 Uhr davon. Sie brausten auf, wohl allein der Soldatenratsvorsitzende Noske bewahrte einen kühlen Kopf.8 Es gelang ihm eine Verfolgung des Prinzen hinauszuzögern, bis dessen Auto so weit entfernt sein musste, dass ein Nachsetzen nicht mehr lohnte. Das mag Heinrich und Angehörige vor Lynchjustiz bewahrt haben, folgenlos blieb das Fluchtgeschehen nicht. Es hatte die Aufständischen in ohnmächtiger Gereiztheit zurückgelassen, als das Gerücht die Runde machte, auch Stadtkommandant Wilhelm Heine wolle sich absetzen. Angeblich nach Dänemarkxx, wohin man schon Heinrich entschwunden glaubte.


    Die Aufruhrereignisse hatten Heine seit dem 01. November auch nachts an seinem Dienstsitz Stadtkommandantur festgehalten. Erst am Abend des 05. November fand er wieder Zeit, die Familie in der Feldstraße 122 aufzusuchen. Um Mitternacht9 herum umstellte ein etwa achtköpfiger Matrosentrupp das bürgerliche Mehrfamilienhaus. Mehrfach wurde die Klingel am Hauseingang betätigt, bis einer der Bewohner den Zutritt ins Treppenhaus freigab. Zwei Matrosen gingen in den ersten Stock und läuteten an Heines noch verschlossener Wohnungstür. Im Bundesmilitärarchiv in Freiburg finden sich zum weiteren Geschehen die Angaben der Tochter: “Mein Vater kam angezogen zu mir, und sagte, ich sollte zur Mutter und den [zwei] Brüdern gehen, er wolle die Tür öffnen und wenn er abgeholt würde ginge er mit; ich möchte den Soldatenrat telefonisch benachrichtigen. Auf dem Flur hörte ich ihn rufen: ‘Ich mache sofort auf, hole den Schlüssel‘, der in einem Schälchen auf einem kleinen Tisch auf diesem Flur stand. Ich hörte das Aufschließen der Tür und sofort anschließend den Schuss. Kein Wortwechsel hatte stattgefunden.“xx


    Als die Tochter in einem Nebenzimmer versuchte den Soldatenvertreter auf der Stadtkommandantur zu benachrichtigen, hinderte sie einer der Matrosen zunächst am Telefonieren. Den Fortgang der Szene unterbrach das Eintreten eines Arztes. Schnell herbeigeholt, hatte er zwischenzeitlich schon Heines Tod10 diagnostiziert und wollte “für das weitere sorgen.“ xx Mit einer Erklärung des Bedauerns, ließen die Matrosenrepräsentanten um Noske über die Presse kolportieren11, dass Heine seine Erschießung wegen Widerstand gegen die Festnahme quasi selbst verschuldet habe.xx Eine Lüge, offenkundig zur Beschwichtigung der Bevölkerung und vor allem der Offiziere und Marinebeamten, deren fachlicher Unterstützung die neuen Machthaber dringend bedurften. Nach einigen Monaten widerlegten sie gerichtliche Nachforschungen mithilfe der Tochter und zweier beteiligter Matrosen.


    Sofern vom Matrosenkommando nicht schon im vornherein beabsichtigt worden war Heine zu töten, hatten die Beteiligten zumindest nicht gewusst, wie der Stadtkommandant überhaupt aussah. Wie die beiden Matrosen angaben, hätten sie nach Öffnen der Wohnungstür im Flur zwar “eine männliche Person“ bemerkt, seien aber davon ausgegangen, Heine selbst “stehe mit einem geladenen Revolver hinter der Tür.“ Einer der Matrosen “schob [...] sein Gewehr in die Türspalte und schoss ab, während die Tür wieder zugeworfen wurde.“xx Wie die Autopsie ergab, hatte dieser Schuss den Stadtkommandanten direkt ins Herz getroffen. Heine war das ranghöchste Todesopfer der Matrosengewalt, die durch die Flucht des Prinzen Heinrich bzw. den Tod des Matrosen Schlüder noch einmal angeheizt worden war.


    Blieb die Frage, wer abends die Matrosen zu Heine geschickt hatte. Noske, der als Soldatenratsvorsitzender die Ordnungsverantwortung trug, bekundete später, es habe sich um eine “wilde Patrouille“ gehandelt, also eine nicht autorisierte Truppe, die Heine “meuchlings niedergeschossen“ xx habe. Tatsächlich wäre ein etwaiger Verhaftungsauftrag wohl an Noske vorbei erteilt worden, da Heine zu jenen Offizieren der alten Elite zählte, mit denen er als Soldatenratsvorsitzender bereits nachmittags begonnen hatte, zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit zusammenzuarbeiten. Noske und Heine seien sich nach Angaben der Tochter “über die Lage in der Stadt einig“ gewesen. Besonderes Engagement zur Verfolgung und gegebenenfalls Bestrafung der Verantwortlichen, bewies Noske andererseits auch nicht. Zwar wurde die Erschießung noch in der Tatnacht den zuständigen Matrosenrepräsentanten gemeldet und als Vorgang protokolliert, indes ohne Folgen für die Beteiligten. Als im Frühjahr 1919 eine kriegsgerichtliche Untersuchung lief – Noske saß mittlerweile als SPD-Reichswehrminister im Kabinett des SPD-Reichsministerpräsidenten Scheidemann – waren die Unterlagen verschwunden. Heines Tochter eröffnete ein Kriegsgerichtsrat, “es bestände die Wahrscheinlichkeit, dass man sie vernichtet hätte.“ xx Bloß die beiden in Heines Wohnung eingedrungenen Matrosen hatten sich ermitteln lassen. Etwaige Auftraggeber ihrer Aktion konnten oder wollten sie aber offenkundig nicht angeben. Wie der Kriegsgerichtsrat ausführte, war nach wie vor ungeklärt, ob ein “Befehl der Verhaftung oder des Erschießens“ vorausgegangen war. Auch für den tödlichen Schuss selbst, ließ sich ohne Beweise oder Zeugen kein krimineller Vorsatz nachweisen. Insofern wird es in keinem Punkt zu einer Verurteilung gekommen sein, jedenfalls habe ich keinen Hinweis darauf gefunden. Ob seinem zähen Dahinschleppen, hinterließ das ganze Verfahren den Nachgeschmack sozialdemokratischen Klüngels. Tatsächlich war die SPD eine Hauptprofiteurin der Matrosenrevolte bzw. der folgenden politischen Umwälzungen. Insofern mochte dort nur wenig Interesse an einer öffentlichen juristischen Aufarbeitung der von den Aufständischen verübten Gewaltakte bestehen. Bitter bemerkten aus dem bürgerlichen Lager am 08. Januar 1920 die ‘Kieler-Neuesten-Nachrichten‘: „Man denke an die Emsigkeit, mit der die verschiedenartigsten Prozesse geführt worden sind, in denen Personen von rechtsgerichteter Gesinnung zur Rechenschaft gezogen wurden und vergleiche damit, dass seit Jahr und Tag noch nichts Nachdrückliches geschehen ist, um den Mörder des Kieler Stadtkommandanten Heine zur Verantwortung zu ziehen. Es ist gerade so, als ob dieser Fall der Vergessenheit überantwortet werden solle…"


    Kam Heines Schicksal seit Gründung von Bundesrepublik und DDR in Büchern, Zeitungsartikeln oder Radio- und Fernsehbeiträgen zur Sprache, wurde regelmäßig die Lüge der Matrosen verbreitet, er habe sich seiner Verhaftung widersetzt. Beispielsweise im schon an anderer Stelle beanstandeten Film “1918-Aufstand der Matrosen“. Dirk Dähnhardt wiederholte sie ebenfalls unkritisch in “Revolution in Kiel“, seiner unter viel Beachtung als Buch veröffentlichten Dissertationsarbeit zum Matrosenaufstand.12 Grundlage für Dähnhardts Studie von 1977 war im Übrigen ein Forschungsauftrag der Stadt Kiel. Diese veranlasste auch, dass im Juni 2011 zum Gedenken des Aufstandsgeschehens, ein Teil des Bahnhofsplatzes in ‘Platz der Kieler Matrosen‘ umbenannt wurde. Deren überspannte Gewaltausbrüche werden weiter relativierend verharmlost, die Leidtragenden vernachlässigt, insbesondere, wenn es sich um Angehörige des Offizierskorps handelt. Diese finden nicht einmal mehr in der Marine-Offiziersmanufaktur Mürwik eine Lobby. Eine 1923 in der Aula angebrachte Ehrentafel mit unter anderem den Namen von Heinemann, Zenker und Heine, wurde 2016 entfernt.


    Damit schließe ich, es gäbe hinsichtlich Kiel noch viel mehr zur Vor- und Nachgeschichte der geschilderten Ereignisse zu berichten, auch noch zum 05. November 1918 selbst, aber das führte im Forum zu weit. Ich hoffe, dass Schicksal gerade von Heinemann, Zenker und Heine wenigstens etwas wieder ins Gedächtnis gerufen zu haben, denn anderswo sind sie längst abgeschrieben.


    Gruß aus Hameln a. d. Weser

    Carsten B.


    Anhang


    Wie auch bei meinen letzten Beiträgen: Ziffern im Text führen zu Anmerkungen im Anhang. Doppel-XX-Markierungen verweisen auf Quellenangaben, die Forums-Mitglieder mit Supporterstatus via PN erfragen können.


    1. Eine andere Ausnahme war z. B. das alte Linienschiff ‘Schlesien‘, das inzwischen Ausbildungszwecken diente. Dort brachte man sich morgens durch Verlassen des Hafens außer Reichweite der Kieler Soldatenräte bzw. der roten Flaggen.


    2. In völliger Verkehrung der Abfolge schrieb Robert Rosentreter, ein im Februar 2015 verstorbener Hetzer der DDR-Zweckgeschichtsschreibung, ‘König‘-Offiziere hätten zuerst einen “Signalgasten“ erschossen, als dieser die Kriegsflagge gegen “die rote Flagge der Arbeiterklasse“ austauschen wollte. Erst dann hätten “die Matrosen [...] zu den Waffen“ gegriffen bzw. quasi verdientermaßen das Feuer auf die Offiziere eröffnet. Ebenso falsch wie diffamierend ist Rosentreters Behauptung, die Offiziere seien “inzwischen“ in den achteren gepanzerten Kommandostand verschwunden, um aus dessen Sehschlitzen “auf alles“ zu feuern “was sich im Blick- und Schussfeld bewegte“, was ihnen neben persönlicher Feigheit auch verbrecherische Gewissenlosigkeit unterstellte. [‘Blaujacken im Novembersturm‘ Seite 54]


    3. Zunächst erhielt Kpt.z.S. Weniger einen Schuss in die rechte Schulter, ein weiterer traf den rechten Oberschenkel, gefolgt von einer Verwundung im Rücken.


    4. Noskes Kandidatur waren Absprachen mit den Wortführern der Aufständischen vorausgegangen. Es führte in diesem Beitrag aber zu weit, auf diesen Vorgang bzw. die Motive der Beteiligten einzugehen.


    5. Die Zahl von acht Getöteten veröffentlichte am 06. November 1918 in Kiel die sozialdemokratische ‘Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung‘ in einem Artikel über die Straßenschießereien am Nachmittag. Dähnhardts Angabe von zehn Toten [‘Revolution in Kiel‘, Seite 100], schließt dagegen den Stadtkommandanten ein, der erst nachts in seiner Wohnung getötet wurde. Wenn es die Nachmittags-Opfer betrifft, ist bei Dähnhardt darüber hinaus Korv.Kpt. Heinemann abzuziehen. Er starb im Tagesverlauf, nachdem er bereits morgens auf ‘König‘ tödlich verwundet worden war. Dähnhardts Zahl von 21 Verwundeten dürfte hinsichtlich der Nachmittagsopfer insofern ebenfalls um jene zu reduzieren sein, die morgens oder nachts angeschossen wurden. Damit gab die ‘Volks-Zeitung‘ mit zwölf Betroffenen wohl die tatsächliche Zahl wieder.


    6. Als Oberbefehlshaber der Ostseestreitkräfte im Januar 1918 abgelöst, war Prinz Heinrich auch als Generalinspekteur der Marine kaum noch in Erscheinung getreten. Sein letzter großer öffentlicher Auftritt, dürfte im September 1918 beim Kiel-Besuch des Kaisers gewesen sein. Fotos zeigen ihn am Bahnhof und bei Paraden mehrfach an der Seite des Bruders.


    7. Dirk Dähnhardts Darstellung vermerkt, die der Fluchtverschleierung dienende rote Fahne sei am Auto befestigt worden, “obgleich ihm [Heinrich] von keiner Seite die Abfahrt aus Kiel verwehrt worden sei. [‘Revolution in Kiel‘, Seite 103] Es ist allerdings unrealistisch zu glauben, dass die Matrosen bei entsprechender Kenntnis zugelassen hätten, dass sich der Bruder des Kaisers aus der Stadt absetzte. Immerhin besaß man mit Heinrich und Familie potentielle Geiseln gegenüber Versuchen die Aufstandsbewegung mit auswärtigen Truppen niederzuschlagen. Wie sehr den Matrosen daran lag sich dagegen zu ‘versichern‘, zeigt das Beispiel von Admiral Souchons Festsetzung, erst in der Nacht vom 04. auf den 05. November auf dem Bahnhof, dann in ‘Holst‘s‘-Hotel. Im Übrigen lässt Dähnhardt Heinrichs Entschließung zur Flucht eher als Kurzschlusshandlung erscheinen, die ganztägig aus der Stadt herübertönenden Schießereien bleiben unberücksichtigt.


    8. Noske schrieb 1920 in ‘Kiel bis Kapp‘, Seite 21: “Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Prinz inmitten einer Schar von Bewaffneten, die sich nicht anschickten, ihm etwas zuleide zu tun, so töricht sein sollte, einen Menschen niederzuschießen.“ Beim Telefonat allerdings, das er am 05. November 1918 um 22.45 Uhr, etwa 1 ½ Stunden nach Bekanntwerden der Nachricht mit dem Vizekanzler in Berlin geführt hatte, war bei diesem der Eindruck entstanden, als hätte auch Noske an Heinrichs Schuld geglaubt. [Matthias/ Morsey: ‘Die Regierung des Prinzen Max von Baden‘, Seite 547 Anm. 3] Tatsächlich verbreitete die sozialdemokratische ‘Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung‘ noch am 06. November 1918 in Kiel, auf den Matrosen Schlüder sei “aus dem Auto heraus geschossen“ worden. Erst darauf hätten “die drei andern zurückgebliebenen Matrosen zehn Gewehrsalven nachgeschickt.“ Mag Noskes Meinung am Tatabend gewesen sein wie sie will, als sicher kann gelten, dass er einen aufgebrachten Mob an Lynchjustiz hindern wollte.


    9. Die Uhrzeitangabe stützt sich auf die Erinnerung von Heines Tochter. Wenn am 06. November 1918 die Abendausgabe der ‘Kieler Zeitung‘ das Geschehen auf etwa 1 Uhr ansetzte, war das wahrscheinlich der Zeitpunkt, als der Soldatenratsvertreter in der Stadtkommandantur durch eine telefonische Meldung der Tochter – an der einer der Matrosentäter sie zunächst zu hindern versucht hatte – von Heines Erschießung erfuhr.


    10. Am 08. November 1918 veröffentlichten die ‘Kieler-Neuesten-Nachrichten‘ eine Todesanzeige von Heines Familie. Die näheren Todesumstände wurden nicht erwähnt. Ob freiwillig oder auf Druck der Matrosenräte, bleibt ungewiss:

    „Der Krieg nahm mir meinen lieben Mann, unseren treuen Vater, Schwiegervater, Bruder und Schwager, den

    Kaiserl. Kapitän zur See Wilhelm Heine

    Ritter hoher Orden.

    Im Namen aller Angehörigen

    Anne Heine geb. Springorum, Kiel, Elberfeld, Halberstadt.“

    Nach einer Trauerfeier im Kieler Krematorium, Beginn 16 Uhr, wurde der Leichnam am 09. November eingeäschert.


    11. “Zur Lage in Kiel“ vermeldete am 07. November die ‘Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung‘ u. a.: “Ein weiteres Opfer der Verhältnisse ist der Stadtkommandant Kapitän z. S. Heine geworden, der verhaftet werden sollte. Als er sich weigerte, wurde er von einem der Soldaten beschossen. Der Soldatenrat bedauert diesen Vorfall sehr.“

    Einen Tag nach dem SPD-Blatt meldeten auch die bürgerlichen ‘Kieler-Neueste-Nachrichten‘ Heines Erschießung, wegen angeblichem Widerstand gegen seine Verhaftung.


    12. Ebensowenig stichhaltig ist Dähnhardts Spekulation, der Stadtkommandant habe seitens des Soldatenrats wegen der Opfer in der Karlstraße vom 03. November verhaftet werden sollen. [‘Revolution in Kiel‘ Seite 100] Das lässt unberücksichtigt, dass Noske und andere Vertreter der Matrosen längst mit Heine kooperierten. Überhaupt übergeht Dähnhardt den Hinweis des damaligen Soldatenratsvorsitzenden Noske, dass der bei Heine erschienene Trupp eine “wilde Patrouille“ gewesen sei und demnach gar keinen offiziellen Verhaftungsauftrag gehabt hätte.


    Copyright 2021 keentied, alle Rechte an dieser Schilderung und weiteren Textbeiträgen sowie dem Fotoanhang vorbehalten.








  • Supporter
  • Moin,


    wow! Ein fettes ?Doppel-Daumen-hoch? für diese Mühe und dem interessanten Thema, wie auch Text. Es hat trotz dieses Themas Spaß gemacht, spannend dem Ablauf zu folgen und wenn man die Ecken gut kennt, so kann man sich noch besser hinein versetzen. Danke auch für die Fotos dazu.

    Sammlergrüße

    Jason28


    Suche Urkunden vom Regiment 184/186, 434, 445/446! Bei solchen gerne melden!!!

  • Sehr interessant. Diese neue und fundiert recherschierte Sicht auf die Ereignisse, ändert auch vieles an meinem Wissensstand. Den Interessierten standen in der ehemaligen DDR nur begrenzte und politisch korekt zurechtgebogene Quellen zur Verfügung.

    Vielen Dank für deine Mühen !


    Gruß Uwe

  • wow! Ein fettes ?Doppel-Daumen-hoch? für diese Mühe und dem interessanten Thema, wie auch Text. Es hat trotz dieses Themas Spaß gemacht, spannend dem Ablauf zu folgen und wenn man die Ecken gut kennt, so kann man sich noch besser hinein versetzen. Danke auch für die Fotos dazu.

    Hallo Jason28,


    freut mich, dass der Beitrag Dir gefällt. Umso mehr, als Marine nicht Dein eigentliches Interesse zu sein scheint. “Die Ecken“ kenne ich auch gut. Zu ‘Mölders‘-Zeiten war Kiel in den 80ern 3½ Jahre mein Heimathafen. Seitdem bin ich zig Mal zu Recherchezwecken wieder da gewesen: Stadtarchiv, historische Örtlichkeiten aufsuchen/fotografieren, Strecken abgehen, Zeiten nehmen …


    Gruß

    Carsten

    SUCHE ENTERSÄBEL M 1849 DER ERSTEN REICHSFLOTTE.

  • Carsten, vielen Dank für diesen aufschlussreichen Beitrag und die beachtlichen Mühen und Deinen Fleiß, der dazu zweifelsohne notwendig war!

    beste Grüße

    Gansewig

    Hallo Gansewig,


    Dank auch Dir. Spaß am Thema und Interesse an einer objektiven Aufarbeitung, machen das aber alles wieder wett. Zur Kaiserlichen Marine im 1. WK und gerade auch ihr Ende ließe sich noch so viel schreiben ....


    Gruß

    Carsten

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  • Sehr interessant. Diese neue und fundiert recherschierte Sicht auf die Ereignisse, ändert auch vieles an meinem Wissensstand. Den Interessierten standen in der ehemaligen DDR nur begrenzte und politisch korekt zurechtgebogene Quellen zur Verfügung.

    Vielen Dank für deine Mühen !

    Hallo Uwe,


    auch über Deine Mail freue ich mich. DDR-Geschichtsbeiträge haben immerhin den Vorteil, als politisch motiviert bekannt zu sein. Historische Abhandlungen aus der alten oder neuen Bundesrepublik, kommen dagegen gern vermeintlich seriöser im bürgerlich-wissenschaftlichen Anstrich daher. Deshalb sind sie längst nicht politisch objektiver oder zuverlässiger recherchiert. Man denke beim laufenden Faden z. B. an Dähnhardts ‘Revolution in Kiel‘. Eine Dissertation mit Forschungsauftrag als Hintergrund, seit über 40 Jahren ein Standardwerk zu den Revolutionsereignissen an der Förde, bei der die Darstellung von Heines Tötung nicht der einzige Fehler ist.


    Gruß

    Carsten

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  • Hallo Carsten,


    uninteressant ist das Thema absolut nicht (auch wenn mein Thema sich 39 bis 45 auf dem Lande abspielt) und auch bei der KM gab es neben den schicken Orden auch spannende Erlebnisse oder Berichte der „Lords“.


    Dein hier in Text und Bild vorgetragener Beitrag ist trotzdem absolut hochwertig, interessant und kommt einem Auszug eines Kriegsbuches oder Berichtes gleich. Für mich persönlich absolut erstklassig und sowas verdient meine Hochachtung.

    SG und weiter so!

    Jason28

    Sammlergrüße

    Jason28


    Suche Urkunden vom Regiment 184/186, 434, 445/446! Bei solchen gerne melden!!!

  • Hallo Jason28,


    danke für den erneuten Zuspruch. Tatsächlich ließe die seit einigen Jahrzehnten eingerissene Vorliebe, die aufständischen Matrosen möglichst kritiklos als hehre Vorkämpfer für Frieden und Demokratie zu präsentieren, Raum für weitere Berichtigungen. Das betrifft auch andere Gebiete im Zusammenhang mit der Kaiserlichen Marine. Z. B. die Aushungerung der deutschen Zivilbevölkerung durch die britische Seeblockade, bei deren medialer Erwähnung regelmäßig die völlige Rechtswidrigkeit unterschlagen wird.


    Im Fotoanhang übrigens ein Beispiel des domestizierten Bildes, das uns mittlerweile der Kulturbetrieb, unterstützt von staatlichen wie parteipolitischen Institutionen, von aufständischen Matrosen des Jahres 1918 vermitteln will.


    Wenn diese Umerziehungsprojekte doch nicht so ernst gemeint wären …


    Gruß

    Carsten

  • Hallo ,


    zu diesem Thema haben wir bei uns im Museum eine Gedenktafel stehen.

    Sie sollte vernichtet werden und Gott sei Dank gibt es immer geschichtsinteressierte Leute , die so etwas stoppen.


    Schönen 2. Advent



    Kontingentstruppen


    Militärhistorisches Museum Alter Flakleitstand


    ww.alterflakleitstand.de

  • sehr schöne Erinnerung an einen tapferen Offizier

    gruß kölsch

  • toller Beitrag.


    Danke für Deine ganze Arbeit


    zu diesem Thema haben wir bei uns im Museum eine Gedenktafel stehen.

    Hallo Richard,


    ich bin baff. Bei Erstellung des Fadens hatte ich zwar gehofft, dass er aus dem Forum mit vielleicht noch unbekannten Hinweisen zum Geschehen ergänzt wird. Dass es dann seitens der bekannten Adresse bei Nordenham geschieht, hatte ich nicht erwartet. Obgleich ich mehr als einmal in Deinem Museum war, ist mir die Tafel nie aufgefallen. Ein Extra-Anreiz wieder vorbeizuschauen. Ausdrücklich DANKE!!!


    Gruß

    Carsten

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  • wenn man diese berichte mal objektiv wie hier sieht ,dann sieht man was die Okt. Revolution 1917 angerichtet hatte,

    also ,an der Dolchstoss legende ist schon was dran

    Hallo Kölsch,


    Pumpanski hat es bereits anklingen lassen. Dem Kreis der alten Eliten des Kaiserreichs entstammend, namentlich des Militärs, umfasste die Dolchstoßlegende ein Paket von Vorwürfen. Sie liefen darauf hinaus, dass die heimatliche Zivilgesellschaft, vor allem durch Schuld des politisch linken Spektrums, die ganze Kriegszeit der kämpfenden Truppe den nötigen Rückhalt vorenthalten habe, womit sie die Niederlage verantwortete. Abgesehen von der grundsätzlichen Unhaltbarkeit dieser Anklage, befand sich das deutsche Westheer bei Machtübernahme der Kieler Matrosen am 04. November 1918 bereits knapp drei Monate auf dem Rückzug, mal mehr mal weniger getrieben. Da hatten die Aufständischen nichts mit zu tun.


    Einen Bogen zur russischen Oktoberrevolution von 1917, mag ich hinsichtlich der Matrosengewalt ebenfalls nicht spannen. Sicher, sie bot Unzufriedenen in Deutschland das Beispiel einer geglückten Machteroberung radikaler Kräfte, in diesem Fall durch die Bolschewiki, der äußersten Linken der russischen Sozialdemokratie. Aber anders als deren verordneter Terror gegen Andersdenkende und die privilegierten Schichten des alten Systems, gingen die Gewaltakte in Kiel auf Disziplinlosigkeit und überspannte Nerven zurück. Ebenso auf die Sorge, für die Beteiligung am Aufstand bestraft zu werden, bzw. vor Gegenmaßnahmen der Offiziere. Natürlich wird im Einzelfall auch kriminelle Energie hinzugekommen sein. Aber anders als bei den Bolschewiki, unterlag die Gewalt keiner Regie z. B. seitens der Matrosenräte. Selbst die Beschießung der ‘König‘-Offiziere, scheint sich deren Steuerung entzogen zu haben. Zwar hatten Abgesandte der Aufständischen dem Kommandanten angedroht, das Aufziehen einer roten Fahne nötigenfalls gewaltsam zu erzwingen. Jedoch sollte das erst gegen Mittag erfolgen. Somit dürfte die bereits kurz darauf bzw. morgens begonnene Feuereröffnung, eigenmächtig aus dem von Land herüberstarrenden Menschenauflauf heraus erfolgt zu sein. Eventuell, weil das Bild der weithin sichtbaren Kriegsflagge und ihrer exponierten Bewacher in der aufgekratzten Stimmung der Aufständischen als besondere Provokation erschienen sein mag. Dass die Beschießung der ‘König‘-Offiziere einer zentralen Führung entbehrte, zeigt sich zudem daran, dass sie zuerst nur vom stadtseitigen Uferbereich erfolgte. Vom gegenüberliegenden Werftareal aus, wurde das Feuer erst später eröffnet. Von Planung oder Koordination somit keine Spur, auch nicht hinsichtlich der Offiziers-Drangsalierungen im Vormittagsverlauf. Das kopflose Rumgeknalle in den Kieler Straßen am Nachmittag, spricht dann für sich selbst. Nicht einmal im Fall der Tötung Heines lässt sich ein Auftrag nachweisen, wobei hier natürlich die verschwundenen Akten zu bedenken sind. Aber das gilt eben nicht für die sonstigen Gewalttaten der Matrosen. Sie sind zu verurteilen, ihrer [Offiziers-]Opfer gehört endlich wieder gedacht, aber sie aus dem vom Regime gelenkten Terror in Russland abzuleiten, ginge zu weit.


    Gruß

    Carsten

    SUCHE ENTERSÄBEL M 1849 DER ERSTEN REICHSFLOTTE.